Als der Baiersdorfer Gerätewart Günter Angermeyer am Dienstag gegen 7 Uhr in der Frühe seinen Dienst im Feuerwehrhaus antrat, fand er in der Fahrzeughalle etwas Unerwartetes vor: Die Geräteräume fast aller Feuerwehrfahrzeuge von der Drehleiter bis zum Einsatzleitwagen standen offen, wie er einen Tag später im Gespräch mit dem Fränkischen Tag erklärt. Ein Anruf beim Kommandanten Josef Simon brachte dann schnell Klarheit darüber, dass diese unerwartete Unordnung nicht etwa an einem nächtlichen Einsatz oder einer spontan durchgeführten Übung lag.
Angermeyer sah sich also genauer im Gebäude um und entdeckte in der Folge, dass in seiner Werkstatt auf der Gebäuderückseite in Richtung Altunggraben mehrere Gegenstände umgefallen und Klebebandrollen am Boden verstreut waren, die er eigentlich auf der Fensterbank abgelegt hatte. Das Fenster zur Werkstatt war beschädigt – offenbar war es in der Nacht von Unbekannten aufgehebelt worden, die sich so Zugang zum Feuerwehrhaus verschafften.
Die Polizei wurde verständigt, die vor Ort die Spuren sicherte, wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelfranken auf Nachfrage bestätigte. Aus dem Feuerwehrhaus mitgenommen hatten die nächtlichen Einbrecher offenbar einen akkubetriebenen Rettungsspreizer samt zweier zugehöriger Akkus. Den Entwendungsschaden beziffert die Polizei auf rund 11.000 Euro.
Für das Gerät wird kein Hydraulikaggregat benötigt
Viel schlimmer wirkt sich allerdings der immaterielle Schaden aus. Denn bei dem bewussten Rettungsspreizer handelt es sich um ein Gerät, mit dem im Notfall zum Beispiel nach Verkehrsunfällen Menschenleben gerettet werden können. Das erklärt der Pressesprecher der Baiersdorfer Feuerwehr, David Hein, im Gespräch mit dem Fränkischen Tag.
Zwar verfügt die Baiersdorfer Feuerwehr laut Hein über mehrere Rettungspreizer; das nun abhanden gekommene Exemplar war davon aber das einzige, das für den Betrieb kein angeschlossenes Hydraulikaggregat benötigt. Stattdessen kommt die Energie aus einem Wechselakku, was es ermöglicht, den Rettungsspreizer zu Fuß zur Einsatzstelle zu tragen.
Leicht transportabel und deswegen begehrt bei Straftätern
Wie Hein weiter erklärt, ist diese Eigenschaft besonders dann von Bedeutung, wenn eine Einsatzstelle nicht ohne Weiteres mit den Feuerwehrfahrzeugen angefahren werden kann. Zum Beispiel bei Verkehrsunfällen auf der Autobahn, wenn keine Rettungsgasse gebildet wird und die Feuerwehrautos nicht bis zur Unfallstelle durchfahren können. Oder bei Einsätzen mitten im unwegsamen Gelände.
Und genau aus diesem Grund, weil das Spreizgerät leicht transportabel und akkubetrieben ist, könnte es für die Einbrecher besonders interessant gewesen sein: Wie aus einem erst am 13. Januar 2025 versendeten Rundschreiben des Bayerischen Landesfeuerwehrverbands an alle Mitgliedsfeuerwehren, das der FT-Redaktion vorliegt, hervorgeht, werden derartige Geräte von Kriminellen mutmaßlich dazu benutzt, um Geldautomaten von Banken aufzubrechen.
Mit dem Einbruch bei der Feuerwehr Baiersdorf könnten sich also Geldautomatenknacker mit der für weitere geplante Straftaten benötigten Ausstattung versorgt haben. Wie eine Sprecherin des Landesfeuerwehrverbands sagte, sei es besonders im Regierungsbezirk Schwaben in letzter Zeit häufiger zu solchen Einbrüchen in Feuerwehrhäuser gekommen. In der Rundmail des Feuerwehrverbands werden die Feuerwehren deswegen dazu aufgerufen, ihre Feuerwehrhäuser regelmäßig zu kontrollieren.
„Der Spreizer ist ein lebensrettendes Gerät, das wir vor allem bei Verkehrsunfällen zur Rettung eingeklemmter Menschen einsetzen – ein unverzichtbares Werkzeug, das nun fehlt. Wir sind nicht nur schockiert, sondern auch zutiefst enttäuscht, dass Personen und Banden die Arbeit der Feuerwehr auf diese Weise behindern“, schreibt die Feuerwehr Baiersdorf am Dienstag auf ihrer Facebookseite. Der diesbezügliche Beitrag wurde bis Mittwochnachmittag bereits über 390-mal geteilt.
Ein Leihgerät vom Hersteller aus Eltersdorf soll helfen
„Ich bin erschüttert“, sagt auch David Hein in Anbetracht der Tat zu Lasten der Feuerwehr: „Ich habe das erst gar nicht glauben können, wie ich das von unserem Kommandanten gehört habe.“ Geplant ist jetzt, dass sich die Feuerwehr vorerst mit einem Leihgerät behilft, um die Lücke in der Ausstattung wieder zu füllen. Da erweise es sich als günstig, dass der Hersteller des entwendeten Geräts nicht weit entfernt ist: Dieser sitzt in Erlangen-Eltersdorf.
In der Folge soll eine reguläre Neubeschaffung in die Wege geleitet werden, so Hein weiter. Während des Pressetermins vor Ort waren er, Gerätewart Günter Angermeyer und weitere Wehrleute gerade damit beschäftigt, die restlichen Bestände zu überprüfen. Dabei fiel Angermeyer auf, dass bei dem Einbruch offenbar auch ein sogenanntes Halligan-Tool weggekommen sein muss. Dieses war am Mittwoch jedenfalls unauffindbar.
Ein Halligan-Tool ist ein Spezialwerkzeug, das von Feuerwehrleuten verwendet werden kann, um versperrte Türen und Fenster im Notfall schnell zu öffnen, beispielsweise um eingeschlossene Menschen zu befreien. Auch dieses Werkzeug könnte Einbrechern bei Straftaten hilfreich sein, etwa um Fenster und Türen aufzubrechen.
Sparsam mit Gerätefotos im Internet umgehen
Sebastian Weber, Pressesprecher des Kreisfeuerwehrverbands Erlangen-Höchstadt, empfiehlt den Feuerwehren zur Prävention, auf ihren Internetseiten sparsam mit Bildern ihrer Gerätschaften umzugehen, um potenziellen Tätern nicht zu verraten, wo sich ein Einbruch in ein Feuerwehrhaus lohnen könnte. Die Baiersdorfer Floriansjünger hatten diesen Ratschlag allerdings bereits beherzigt, wie David Hein erklärt: Man habe darauf verzichtet, den nun gestohlenen Akkuspreizer im Internet zu zeigen, weil man sich der Gefahr bereits bewusst gewesen sei.
Die neueste Generation der Akkuspreizgeräte lässt sich laut Sebastian Weber über GPS orten. Dann könne nach einem Diebstahl der Standort des entwendeten Materials festgestellt werden. Auch Weber sieht im Vergleich zu einem Einbruch etwa in eine zivile Lagerhalle einen besonders faden Beigeschmack, wenn ausgerechnet eine Feuerwehr bestohlen wird, wie er ausführt: „Das ist so, wie wenn ein Rettungswagen gestohlen wird, mit dem die Sanitäter dann im Notfall nicht mehr ausrücken können.“
Die Polizei bittet Zeugen, sich zu melden
Die Polizei sucht derweil nach Zeugen des Einbruchs in Baiersdorf: Wer in der Nacht von Montag auf Dienstag in der Umgebung des Feuerwehrhauses in der Straße „Am Anger“ oder am benachbarten Großparkplatz etwas Ungewöhnliches wahrgenommen hat, kann sich bei der Polizei melden unter der Rufnummer 09131/7600.
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