Wegen des Verdachts illegaler Arzneimittel durchsucht die Polizei im November 2024 eine Wohnung in einem als „Langer Johann“ bekannten Hochhaus in Erlangen, stattdessen findet sie Kriegswaffen, vollautomatisierte Schusswaffen, massenweise Munition: Der Fall des „Schamanen von Erlangen“ beschäftigt die Region über Wochen hinweg. Am Mittwoch, 30. Juli, soll nun der Prozess gegen den damals 62-Jährigen am Amtsgericht Erlangen beginnen. Angesetzt sind vorerst zwei Termine.
Doch lange vor dem Schamanen gab es schon andere, mysteriöse Fälle, die den Landkreis beschäftigten, berührten, erschütterten. Ein Blick ins Archiv ruft den Fall des Gurus von Lonnerstadt in Erinnerung. Das Bild der Meditation, bei der Erwachsene und Kinder in gelben Klamotten und Mützen an einem Tisch sitzen, Guru Gerhard L. scheinbar laut singend in ihrer Mitte, geht damals durch die Medien.
Eine Dokumentation des Fernsehsenders WDR befasst sich 2012 mit der Sekte „Neue Gruppe der Weltdiener“. Ihr Anführer, der ehemalige Fahrer einer Tiefkühlkette Gerhard L., predigt seinen Anhängern den Verzicht auf Materielles, auf medizinische Versorgung. Darunter leidet auch der Sohn von L.’s Lebensgefährtin Susanna. Der Jugendlich wird trotz seiner Erkrankung an Mukoviszidose nicht von einem Arzt behandelt, darf keine Medikamente einnehmen. Stattdessen sollten Meditieren und Fasten ihm helfen. Rund 30 Kilo wiegt er zwischenzeitlich nur noch – der Lebensstil, den seine Mutter und ihr Lebensgefährte ihm aufzwingen, kostet dem Jugendlichen fast das Leben.
Guru von Lonnerstadt: Dokumentation deckt Leben der Sekte auf
Doch in der Dokumentation der Journalistin Beate Greindl ist auch eine weitere Familie zu sehen. Die Eltern, eine Gymnasiallehrerin und ein Software-Entwickler, leben nach den Regeln der Sekte. Beide haben ihre Jobs gekündigt, leben mit ihren drei Kindern in einem baufälligen Haus in Lonnerstadt. Ihr Geld haben sie der Sekte gespendet, eine Krankenversicherung hat kein Familienmitglied. Was sie essen, was sie tun, wie sie ihre Kinder erziehen: All das bestimmt der Guru. Wenig Essen, ein diszipliniertes Leben und viel Meditation stehen auf der Tagesordnung.
Der Film des WDR schockiert die Menschen in der Region. Bürger organisieren mehrere Mahnwachen mit bis zu 200 Teilnehmern. Doch auch überregional schlägt der Fall hohe Wellen, Medien, wie die Süddeutsche Zeitung, berichten über den Prozess. Erst im Juli 2013 bringen Mitarbeiter des Jugendamtes nach einer richterlichen Anordnung die Kinder in eine Betreuungsunterkunft. Die Behörden stehen in der Kritik, ihnen wird vorgeworfen, versagt zu haben. Viele fragen sich, wieso der Zustand der Kinder nicht früher aufgefallen ist, zum Beispiel in der Schule.
Guru und Lebenspartnerin werden verurteilt
Im Juli 2014 folgt schließlich das Urteil des Landgerichts Nürnberg-Fürth: Drei Jahre sollen L. und seine Lebensgefährtin wegen Misshandlung Schutzbefohlener ins Gefängnis. Ein Jahr später bestätigt auch der Bundesgerichtshof das Urteil und weist die Revision des Sektenführers ab. Im Juni 2018 kommen beide schließlich auf Bewährung wieder frei.
Ähnlich viel Aufsehen erregt die illegale Schule, die die Behörden im Januar 2022 in Eltersdorf schließen. Erste Hinweise soll es zwar schon im Herbst des Vorjahres gegeben haben, nachdem ein ähnlicher Fall im oberbayerischen Rosenheim aufgedeckt worden war, erste Ermittlungen bleiben im Winter 2021 jedoch ohne Ergebnisse. Bei der ersten Durchsuchung der Königsmühle, einem Gutshof aus dem 14. Jahrhundert, werden keine Kinder gefunden, die Hinweise bezeichnet die Polizei als „nicht eindeutig“.
Geheime Schule in Eltersdorf: Kinder heimlich unterrichtet
Erst bei einer weiteren Durchsuchung im Januar 2022 haben die Ermittler Erfolg: 15 Schülerinnen und Schüler, die eigentlich gerade in der Schule sitzen sollten, werden in dem heruntergekommenen Haus aufgefunden. Insgesamt soll die „private Lerngruppe“, wie die Eltern sie bezeichnen, aus rund 30 Schülern bestehen. Als Lehrkräfte fungieren die Eltern selbst, der Unterrichtsstoff soll stark an Ansichten des österreichischen Zauberkünstlers und selbsternannten „Lehrexperten“ Ricardo Leppe angelehnt sein.
Dieser macht sich einen Namen mit YouTube-Videos, die Tipps für leichteres Lernen zeigen – worauf viele Eltern gerade in der Corona-Pandemie gerne zurückgreifen. Unter dem Motto „Wissen schafft Freiheit“ ist Leppe jedoch auch dafür bekannt, Verschwörungstheorien und rechts-esoterisches Gedankengut zu verbreiten.
In einem Video, das nach der Schließung der Schule kursiert, sprechen drei Mütter, deren Kinder die Schule besuchten, mit dem bekannten Querdenker Friedemann Mack. Sie beschweren sich nicht nur über den angeblich brutalen Polizeieinsatz, sondern betonen auch, dass die Entscheidung, die Kinder aus der Schule zu nehmen, eine bewusste gewesen sei – immerhin wollen sie ihre Kinder vor der Test- und Maskenpflicht schützen, die während der Pandemie vorherrscht.
Den Fall können Sie hier noch einmal genau nachlesen:
Verbindung zu Reichsbürgern?
Ob bei der geheimen Schule eine Verbindung zur Reichsbürgerszene vorherrscht, ist lange nicht klar. Polizeikreise geben jedoch zu bedenken, dass eine derartige Schule gerade für diese Kreise nicht ungewöhnlich sei. Auch die Mieterin der Mühle stand bereits zuvor im Zusammenhang mit Reichsbürgern. Wenige Monate später ist sie es auch, die sich für die illegale Schule verantworten muss. Jedoch fällt die Strafe mit einem Bußgeld von gut 7000 Euro verhältnismäßig gering aus.
Auch der selbsternannte Schamane fällt schon vor der Hausdurchsuchung immer wieder mit seinen alternativen Theorien in den sozialen Medien auf. So spricht er zum Beispiel von vermeintlichen Heilfrequenzen und Klang-Behandlungen. Auch er äußert Verschwörungstheorien zur Pandemie. Das Amtsgericht soll nun unter anderem feststellen, wieso der 62-Jährige so viele Waffen gehortet hat.

















