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Zu Fuß unterwegs
Wohin führen die Trampelpfade der Region Erlangen-Höchstadt?
Das Uni-Südgelände in Erlangen ist voll davon: Trampelpfade wie hier an der Martensstraße
Das Uni-Südgelände in Erlangen ist voll davon: Trampelpfade wie hier an der Martensstraße // Anna-Lena Reif
Erlangen-Höchstadt – Sie sind unverzichtbar für das Vorwärtskommen in Städten und Dörfern und im Wortsinne eine Abstimmung mit den Füßen: Trampelpfade. Wo und warum sie entstehen, ist eine Wissenschaft für sich. Eine Spurensuche in der Region Erlangen-Höchstadt.

Manche Trampelpfade sind ausgedehnt lang, manche eher kurz. Nur etwa zwei Schritte lang ist beispielsweise der Trampelpfad, der den Gehsteig entlang der Adelsdorfer Hochstraße nahe dem Kreisverkehr mit dem Parkplatz des Rewe-Supermarkts verbindet. Offenbar wollen doch auch ein paar Kunden zu Fuß zum Supermarkt laufen und kürzen hier pragmatisch über den Grünstreifen ab.

Nur ein paar Schritte lang ist der Trampelpfad, der in Adelsdorf über den Grünstreifen zum Rewe-Gelände führt.
Nur ein paar Schritte lang ist der Trampelpfad, der in Adelsdorf über den Grünstreifen zum Rewe-Gelände führt. // Martin Regner

Für die Frage, warum an dieser Stelle nicht schon längst schnell und unbürokratisch ein paar Gehwegplatten ergänzt worden sind, fühlt sich die Gemeinde Adelsdorf nicht zuständig, weil ihr das Grundstück, auf dem sich der Grünstreifen befindet, zum allergrößten Teil nicht gehört. Die Firma Rewe verweist weiter auf den Grundstückseigentümer des Supermarktgeländes – und dieser äußert sich nicht zu dem Thema.

Viele Trampelpfade schlängeln sich über den Campus

Anders die Pressestelle der Universität Erlangen-Nürnberg, deren Südgelände ein Paradebeispiel dafür ist, was bei der Planung öffentlicher Plätze und Wege misslingen kann. Auf dem Campus der Techniker und Naturwissenschaftler gibt es zwischen den Lehrstuhlgebäuden, den Hörsälen und den Parkflächen unzählige gepflasterte Fußwege. Doch ein Blick auf die eigentlich als Grünflächen gedachten Bereiche dazwischen zeigt, wo die Studierenden tatsächlich oft unterwegs sind. Nämlich häufig querfeldein, so dass sich viele kleine und große Trampelpfade durch das Universitätsgelände schlängeln.

Einer von vielen: Trampelpfad an der Egerlandstraße des Uni-Südgeländes in Erlangen
Einer von vielen: Trampelpfad an der Egerlandstraße des Uni-Südgeländes in Erlangen // Anna-Lena Reif

Manche davon wurden schon von Generationen vor den aktuell studierenden Jahrgängen ausgetreten. Diese wilden Wege ziehen sich als brauner Strich aus nackter Erde durch Wald- und Grünflächen, weichen im Winter und bei Regen auf und werden dann schmierig. Jetzt könnte man auch hier fragen: Warum wird nicht einfach der Weg, den die Menschen offensichtlich benutzen wollen, ordentlich befestigt? Darauf antwortet die Pressestelle der Universität Erlangen Nürnberg, dass es für die Universität entscheidend sei „ein Gleichgewicht zu finden zwischen einer guten Erreichbarkeit von Gebäuden auf der einen Seite und einer möglichst geringen Versiegelung von freien Flächen auf der anderen Seite“.

Gerade angesichts des Klimawandels seien unversiegelte Flächen in städtischen Gebieten sehr wertvoll. Und weiter: „Werden zusätzliche Wege befestigt, bedeutet dies erfahrungsgemäß einen starken Eingriff in die Vegetation, wenn beispielsweise durch den Unterbau Wurzelwerk beschädigt wird oder die Breite eines angelegten Weges größer sein muss als ein vorhergehender Trampelpfad an gleicher Stelle“. Denn natürlich gelten für befestigte Wege Bauvorschriften, die dann auch eingehalten werden müssen.

25 Prozent ist die entscheidende Zahl

Dazu, wo und warum Trampelpfade entstehen, gibt es wissenschaftliche Untersuchungen. Ein Name, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht, ist der des Physikers Dirk Helbing, der das Thema erforscht hat. Laut seinen Erkenntnissen ist die Zahl 25 Prozent maßgeblich dafür, ob ein Trampelpfad entsteht oder nicht. Wenn der offiziell vorgesehene Weg nämlich einen Umweg von weniger als 25 Prozent im Vergleich zur direkten Strecke zwischen zwei Punkten bedeutet, dann wird dieser Umweg zumeist in Kauf genommen. Das heißt umgekehrt: Verspricht die Abkürzung durch die Wiese eine Wegeinsparung von mehr als 25 Prozent, entsteht dort mit großer Wahrscheinlichkeit ein Trampelpfad.

Wegeplaner, die sich trauen, das gerade Lineal zur Seite zu legen, können diese Abstimmung der Leute mit den Füßen sogar für sich fruchtbar machen, wenn es darum geht, ein Gelände neu zu überplanen. So wurde es etwa in den 1970er-Jahren von der Universität von Oregon in den USA erprobt: Damals säte man zu Beginn der Planung den gesamten Campus mit Rasen ein. Mit der Zeit zeigte sich, wo die Studenten tatsächlich unterwegs waren, nämlich da, wo sich Trampelpfade gebildet hatten. In der Konsequenz wurden dann diese quasi auf natürlichem Weg gefundenen Strecken ordentlich befestigt.

Ecken werden oft abgekürzt

Aus den Erkenntnissen von Dirk Helbing über Trampelpfade lässt sich – abgesehen von den 25 Prozent Wegersparnis – noch eine weitere Schlussfolgerung für die Stadtplanung ableiten: Wege sollten sich nicht im rechten Winkel kreuzen. Was sie im real existierenden Städtebau aber häufig tun, wenn man sich etwa öffentliche Grünanlagen mit wachem Blick anschaut. Wenn sich Trampelpfade treffen, dann ergibt sich statt des 90-Grad-Winkels nämlich häufig eine Y-förmige Gabelung. Auch Ecken werden häufig durch kurze Trampelpfade abgekürzt.

Eine klassische Situation für Trampelpfade im Umfeld des Wiwa-Weihers in Herzogenaurach: Ecken werden abgekürzt
Eine klassische Situation für Trampelpfade im Umfeld des Wiwa-Weihers in Herzogenaurach: Ecken werden abgekürzt // Anna-Lena Reif

In Herzogenaurach gibt es dafür ein perfektes Beispiel am nordöstlichen Ende der Grünflächen rund um den Wiwa-Weiher. Dort stößt ein gepflasterter Fußweg mit Treppe auf den Gehweg zwischen dem Spielplatz und der Grundschule. Und neben der Treppe führt eine Abkürzung rechts den leichten Hang hoch zum Gehweg. Dazu erklärt Herzogenaurachs Bürgermeister German Hacker: „Es wird sehr wohl bei jeder Planung beachtet, dass man auch mögliche Trampelpfadrouten, die ja meist Abkürzungen darstellen, mit betrachtet und diese auch im Idealfall so baut“.

Für Hacker gibt es drei Aber

In diesem Zusammenhang gibt es aus Sicht des Bürgermeisters allerdings auch drei „Aber“. Das erste ist fehlendes Eigentum: Wenn nämlich die Stadt eine Fläche nicht besitze und auch nicht erwerben könne, über die eine Abkürzung führen würde, dann „bleibt Planern nichts anderes übrig, als gegebenenfalls einen kleinen Umweg in fachlich korrekter Form zu planen und umzusetzen.“

Das zweite Aber ist die Barrierefreiheit, so Hacker. Würde die Stadt beispielsweise an der angesprochenen Stelle am Wiwa-Weiher eine befestigte Rampe schaffen, wo jetzt der Trampelpfad den Hang hoch führt, dann müsste unter Beachtung der für solche Rampen maximal zulässigen Steigung ein erheblicher zusätzlicher baulicher Aufwand betrieben werden. Eine barrierefreie Verbindung gebe es auch bereits nur ein paar Meter nördlich und deswegen sei es „hier unverhältnismäßig den Aufwand zu betreiben“, erklärt Hacker.

Der Winterdienst kostet laufend Geld

Der Winterdienst ist der dritte Einwand aus Sicht des Bürgermeisters: Wenn die Stadt Herzogenaurach einen Trampelpfad befestigt und damit zum offiziellen Weg erhebt, dann müsse dieser auch so gestaltet werden, dass man ihn im Winter räumen kann. Außerdem müsse man dann bereits im Vorhinein einkalkulieren, dass damit erhebliche dauerhafte Kosten verbunden sind – weil der neue Weg jeden Winter geräumt und gestreut werden muss.

Ein Beispiel, bei dem die Stadt einen ursprünglichen Trampelpfad tatsächlich später asphaltiert hat, gibt es an der nordwestlichen Ecke der Kreuzung der Hans-Maier-Straße mit der Rathgeberstraße. „Fußgänger und auch Radfahrer haben hier immer die Ecke ‚abgeschnitten‘. Das kann man auch nachvollziehen, da man so auch nicht so nah an den abbiegenden oder an der Ampel wartenden Autos vorbei muss“, erklärt Hacker dazu: „Wir haben daher die Asphalt-Verbindung geschaffen.“

An dieser Stelle nahe der Rathgeberstraße hat die Stadt Herzogenaurach einen ursprünglichen Trampelpfad im Nachhinein asphaltiert und damit zum offiziellen Weg erhoben.
An dieser Stelle nahe der Rathgeberstraße hat die Stadt Herzogenaurach einen ursprünglichen Trampelpfad im Nachhinein asphaltiert und damit zum offiziellen Weg erhoben. // Florian Dormann

Eine rechtwinklige Kreuzung – das Ideal vieler Städteplaner, weil sie sich leicht zeichnen lässt – entspricht also offenbar nicht dem natürlichen Bewegungsdrang des Menschen. Oder um es mit Dirk Helbings Worten aus einem Interview im SZ-Magazin zu sagen: Trampelpfade entstehen dann, wenn Menschen das Gefühl haben, dass die vorhandenen Wege nicht gut genug sind. Sie stellen also keineswegs eine Verschlechterung des öffentlichen Raums dar, auch wenn sie zumeist unansehnlich sind. Sondern sie können, wenn man so will, eine effiziente Optimierung der Fußwege durch eine Stadt sein.

Wer kümmert sich um die Verkehrssicherung?

Heute im digitalen Internetzeitalter ist viel von der Schwarmintelligenz die Rede, also von der Entscheidungsfindung auf Grundlage dezentraler, selbstorganisierter Systeme. Ein Trampelpfad ist genau das: Eine unbestimmte Vielzahl von Menschen sucht sich den für sie optimalen Weg und dieser manifestiert sich dadurch, dass er von vielen Menschen immer wieder benutzt wird. Denn ein Weg, den nur einzelne Menschen sporadisch begehen, wird nicht zum Trampelpfad. Die Natur holt sich selten benutzte Wege schnell wieder zurück. Wo kaum jemand läuft, überwuchern Gräser und Gebüsche schnell wieder alles.

Nicht zuletzt haben Trampelpfade auch eine rechtliche Dimension. Denn es ist die Frage, wer dafür zuständig ist, wenn dort zum Beispiel jemand stolpert, stürzt und sich verletzt? Und die Wahrscheinlichkeit dafür ist auf Trampelpfaden besonders hoch, denn sie können bei Nässe nicht nur schnell rutschig werden. Es lauern auf ihnen auch aus dem Boden ragende Steine oder Wurzeln als Stolperfallen und sie sind für gewöhnlich buckelig und uneben.

„Es gibt keine grundsätzliche Regelung zum rechtlichen Status von Trampelpfaden. Es handelt sich hier nicht um eine öffentliche Straße im Sinne des Bayerischen Straßen- und Wegegesetzes“, teilt das Bayerische Verkehrsministerium dazu auf Nachfrage mit. Und weiter in schönstem Bürokratendeutsch: „Trampelpfade können aber durch die tatsächliche Ermöglichung der Nutzung für den allgemeinen Fußgängerverkehr zu einem sogenannten tatsächlich-öffentlichen Weg werden“.

Versiegelung von Flächen vermeiden

Für die Verkehrssicherung, so das Ministerium weiter, sei grundsätzlich der Eigentümer der Fläche zuständig, auf der sich ein Trampelpfad befindet. Auch dazu, ob man Trampelpfade im Nachhinein legalisieren sollte, indem man sie befestigt, hat das Verkehrsministerium eine Meinung: „Ganz grundsätzlich ist in Bayern bei Bau und Unterhalt von Straßen mit Grund und Boden sparsam umzugehen. Die Flächeninanspruchnahme ist in Abwägung insbesondere mit den Notwendigkeiten der Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs sowie der Schonung von Natur und Landschaftsbild so weit wie möglich zu begrenzen“.

Heißt also in logischer Konsequenz: Im Zweifelsfall könnte man einen einmal entstandenen Trampelpfad durchaus später befestigen. Wenn man dann versiegelte Flächen sparen will, bräuchte man nur den vorher gepflasterten Weg daneben, den ja doch keiner benutzt, wieder herausreißen und begrünen.

Absperrungen bringen meist wenig

Die Pressestelle der Universität Erlangen-Nürnberg verweist außerdem noch auf die Tatsache, dass sich die Wege, die die Menschen nehmen, im Laufe der Zeit auch ändern können: „Zum Teil sind die Standorte durch bauliche Erweiterung über Jahrzehnte gewachsen. Dass dabei durch die Nutzerinnen und Nutzern im Laufe der Jahre alternative Wege entstehen, liegt auf der Hand und lässt sich letztlich ohne bauliche Abgrenzungen wie Zäune kaum verhindern“.

Die Annahme, dass die Absperrung eines Trampelpfads die Lösung wäre, ist allerdings wahrscheinlich etwas zu optimistisch gedacht. Denn – und auch das ist eine Erkenntnis aus der Praxis – wenn ein Trampelpfad abgesperrt wird, entsteht meistens ein neuer. Neben der Absperrung.

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