Die schlechte Nachricht vorweg: Der einstige Vorzeigeautomobilstandort Deutschland steckt weiterhin in der Krise. Das merken nicht nur die großen Autobauer, sondern auch die Zulieferfirmen. Dass vor allem unsere Region stark von Wohl und Wehe der Automobilindustrie abhängt, ist bekannt. Deshalb hat besonders die Ankündigung Schaefflers im Herbst 2024, allein in Deutschland 2800 Stellen (europaweit 4700) abbauen zu wollen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgeschreckt. Nun sind die ersten Details bekannt, wie es in der Region weitergehen soll.
Schaeffler streicht 4700 Stellen in Europa, 701 in Herzogenaurach
„Schaeffler kündigt strukturelle Maßnahmen in Europa zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit an“, lautete die Meldung am 5. November 2024 und hatte es in sich. Nur einen Monat nach der Fusion mit Vitesco kündigte Schaeffler an, mit dem Restrukturierungsprogramm 290 Millionen Euro im Jahr einsparen zu wollen.
Was „Forward“ heißt und langfristig die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns sichern soll, heißt im Kern: Abgebaut werden sollen europaweit insgesamt knapp 4700 Stellen (durch Verlagerungen ergäbe sich laut Schaeffler ein Nettoabbau von 3700 Stellen).
In Deutschland werden wohl 2800 Jobs wegfallen. Stark treffen werden die hauptsächlich auf die Funktionsbereiche und Zentralabteilungen abzielenden Abbaupläne die fränkischen Standorte Schweinfurt und Herzogenaurach. In Unterfranken, dem Hauptsitz der Sparte „Bearings & Industrial Solutions“, sollen 472 Stellen wegfallen (eventuell sogar bis zu 700), am größten deutschen Standort und zugleich Zentrale der Schaeffler-Gruppe in Herzogenaurach sogar 701 Stellen. Nicht betroffen sind wohl unter anderem die Standorte in Höchstadt und Hirschaid.
Schaeffler: Stimmung an den Standorten bleibt kühl
An diesen Zahlen soll wohl festgehalten werden, wie es nun aus Herzogenaurach heißt. Dementsprechend unterkühlt ist die Stimmung unter den Beschäftigten in der Konzernzentrale. Immerhin haben sich Arbeitgeber und Betriebsräte nun zwar auf ein Eckpunktepapier einigen können, das den Rahmen für die Verhandlungen an den einzelnen Standorten bieten solle.
Hanna Köhler, Betriebsratsvorsitzende am Standort Herzogenaurach, warnt dennoch vor überzogenem Optimismus: „Das Eckpunktepapier ist gut. Wir haben erreichen können, dass der Abbau sozialverträglich geschieht. Aber, und das müssen wir betonen, dass überhaupt an diesem massiven Stellenabbau festgehalten wird, können wir nicht gutheißen.“
Konzern und Betriebsrat einigen sich auf Eckpunktepapier
So haben Arbeitgeberseite und Betriebsrat in ihrem Eckpunktepapier unter anderem festgehalten, dass der Abbau zunächst nur über ein Freiwilligenprogramm starten solle. „Im Moment wird das Unternehmen also nicht gezielt auf die Belegschaft zukommen, sondern abwarten, ob sich genügend Menschen freiwillig melden“, erklärt Köhler. Weil betriebsbedingte Kündigungen im Rahmen dieses Restrukturierungsprogramms („Forward“) bis 2028 ausgeschlossen sind, soll der Abbau über Abfindungsregelungen und Altersteilzeitverträge gelöst werden.
Zeit gesetzt habe man sich dafür bis Ende 2028. Allerdings könnte es passieren, dass das Unternehmen ab Herbst doch proaktiv werden dürfte, wenn sich bis dahin nicht genügend Interessenten für ein freiwilliges Ausscheiden finden ließen. Das aber glaube Köhler nicht. „Wir führen derzeit viele Gespräche, es gibt einige, die ein solches Angebot gerne annehmen würden.“ Wichtig sei, wie Köhler betont, dass der Betriebsrat bei allen weiteren Schritten eng eingebunden bleibt.
Umschulungen und Weiterqualifizierungen
Ein wichtiges Standbein der Maßnahmen sollen Umschulungsmaßnahmen sein. Es sei beschlossen worden, dass weitgehend auf externe Einstellungen verzichtet würde. Daher drängt der Betriebsrat darauf, dass ausgeschriebene Stellen intern besetzt werden, falls dies möglich sei. Notfalls auch mit Menschen, die nicht einhundertprozentig auf das Jobprofil passten. Nachqualifizierung statt Neueinstellung müsse die Devise lauten.
Natürlich bleibe der geplante Stellenabbau laut Köhler trotz allem ein Schock für die Belegschaft. Es sei kein Wunder, „dass Unsicherheit das mittlerweile vorherrschende Gefühl bei Schaeffler ist“. In den nächsten Tagen stehen einige Townhall-Meetings an, während denen die Beschäftigten weitere Details rund um das Restrukturierungsprogramm erfahren.
Das sagt die Schaeffler AG zum Jobabbau-Programm
Was sagt die Unternehmensleitung zu den aktuellen Entwicklungen? Christina Weiler, Sprecherin für Personalthemen bei der Schaeffler AG, schreibt, dass für die Umsetzung der Maßnahmen in Deutschland weiter wie bisher die 2018 mit der IG Metall abgeschlossene Zukunftsvereinbarung gelte. Weiler bestätigt am Mittwoch auf Anfrage, dass ein solches Eckpunktepapier vorliegt. „Wir befinden uns im engen Austausch mit unseren Arbeitnehmervertretern. Unser gemeinsames Verständnis ist, dass die Maßnahmen fair und sozialverträglich umgesetzt werden, mit dem Eckpunktepapier gehen wir einen wichtigen Schritt in diese Richtung“, schreibt sie.
2025 bleibt unruhiges Jahr auch für Schaeffler
Dass 2025 für Schaeffler ein ruhiges Jahr werden wird, glaubt indes niemand. Der Automobil- und Industriezulieferer hat im vergangenen Jahr schwächer abgeschnitten als vom Markt erwartet.
So stieg der Umsatz zwar von 16,3 Milliarden auf 18,2 Milliarden Euro, wie das Unternehmen anhand vorläufiger Zahlen mitteilte. Analysten hatten jedoch mehr erwartet. Und die um Sondereffekte bereinigte Marge vor Zinsen und Steuern (EBIT) wird voraussichtlich von 7,3 Prozent auf 4,5 Prozent gesunken sein, wie es weiter hieß. Schaeffler hatte fünf bis acht Prozent in Aussicht gestellt, der Marktkonsens hatte 6,3 Prozent erwartet.
Wegen der verschärften CO₂-Flottenziele der EU drohen Herstellern hohe Strafzahlungen, sollte der E-Auto-Absatz nicht sprunghaft steigen. Und nach dem Wahlsieg von Donald Trump in den USA könnten neue Zölle das Geschäft auf dem wichtigsten Auslandsmarkt der deutschen Autoindustrie erschweren.
















