Es ist ruhig an der Industriestraße. Zu ruhig, wenn man bedenkt, dass an diesem Donnerstag über den gesamten Tag verteilt Tausende Mitarbeitende von Schaeffler auf drei Betriebsversammlungen über nichts Geringeres als ihre berufliche Zukunft sprechen. Seit Monaten herrscht Unruhe bei Herzogenaurachs größtem Arbeitgeber. Millionenverluste, Stellenstreichungen, Krise.
Schaeffler streicht Tausende Jobs, darunter in Herzogenaurach
Die Konzernleitung hatte im November 2024 „strukturelle Maßnahmen in Europa zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“ angekündigt, nur einen Monat nach der Fusion mit Vitesco. Das Ziel: Hunderte Millionen Euro einsparen. „Forward“ heißt das aktuelle Einsparungsprogramm, das europaweit 4700 Stellen sparen soll. 2800 sind es in Deutschland, stark treffen wird es hauptsächlich die Funktionsbereiche und Zentralabteilungen in Schweinfurt und Herzogenaurach. 701 Stellen weniger allein am Hauptstandort in Herzogenaurach, wie es zuletzt hieß. Nun gibt es Neuigkeiten aus der Konzernzentrale in Herzogenaurach.
Zahl der gestrichenen Stellen sinkt und steigt zugleich
Gute Neuigkeiten. Und schlechte. Zum einen sagt die Betriebsratsvorsitzende bei Schaeffler Technologies in Herzogenaurach, Hanna Köhler, auf Anfrage, dass man an der Umsetzung des beschlossenen Eckpunktepapiers festhalten werde. Dass betriebsbedingte Kündigungen bis mindestens 2028 ausgeschlossen seien, man also weiterhin auf freiwillige Altersteilzeit- und Abfindungsregeln setzen werde.
Hinzu komme, sagt Köhler, dass ihr die Konzernspitze die erfreuliche Mitteilung machen konnte, dass man die Zahl der abzubauenden auf 630 reduzieren konnte. Doch die Euphorie währt nur kurz; so gebe es wohl aus älteren Abbauprogrammen noch etwa nicht ab- beziehungsweise weggearbeitete 100 Stellen. Was das Minus der Beschäftigungszahl in Herzogenaurach insgesamt erhöhen wird.
Ob es bereits Interesse am Freiwilligenprogramm gebe, will die Pressestelle auf Anfrage der Redaktion am Freitag noch nicht beantworten. Für eine Bilanz sei es „zum aktuellen Zeitpunkt noch zu früh“. Das Unternehmen sei aber zuversichtlich, „dass der geplante Abbau im Zeitraum 2025 bis 2027 mehrheitlich erfolgt ist“. Immerhin eine gute Nachricht hat die Pressestelle für die Region: Es bleibe dabei, dass der Schaeffler-Standort in Höchstadt von den Maßnahmen des Sparprogrammes nicht betroffen sei.
Nicht nur Schaeffler betroffen, auch Puma und Adidas
Nun ist Stellenabbau in Herzogenaurach aktuell kein exklusives Problem von Schaeffler. Adidas will rund 500 Stellen streichen, auch bei Puma könnten 150 wegfallen. Was bedeutet das für einen Ort, der wohl wie kaum ein anderer am Nabel dreier großer Weltkonzerne hängt? Bürgermeister German Hacker (SPD) sagt, er könne Stellenabbau „natürlich nicht gutheißen“. Aber nach der Corona-Krise und dem Ausbruch des Ukraine-Krieges kämen die bei Schaeffler, Adidas und Puma ergriffenen Maßnahmen zur Umstrukturierung „nicht überraschend“. Und die betroffenen Unternehmen würden sozialverträglich vorgehen und „sehr moderat“ agieren, so Hacker.
In den Jahren 2010 bis 2019 seien in Herzogenaurach jedes Jahr rund 1000 Arbeitsplätze neu geschaffen worden. Dass es nicht immer in diese Richtung weiter gehen könne, sei klar. Die nun ergriffenen Maßnahmen der Unternehmen „dienen der Stabilisierung und in Anbetracht der Weltlage, die wir gerade haben, geht es uns hier in Herzogenaurach wirklich noch gut.“ Außerdem geht Hacker davon aus, dass auch wieder Phasen des Wachstums auf die aktuelle Situation folgen werden.
Kurzarbeit bei Schaeffler in Herzogenaurach seit März
Doch es gibt eine weitere Hiobsbotschaft, diesmal für die Mitarbeitenden der Produktion. Die waren von den schlechten Nachrichten bislang außen vor, für sie gilt das Restrukturierungsprogramm „Forward“ nicht, stattdessen steht die Beschäftigungssicherung in der Produktion und in produktionsnahen Bereichen bis 2030. Doch seit 1. März befinden sich mehr als 300 Mitarbeitende in Kurzarbeit, betroffen sind laut Köhler zwei Abteilungen. Diese Regelung sei vorerst bis Ende des Jahres befristet, doch Köhler geht davon aus, dass noch weitere Bereiche hinzukommen.
Selbst wenn Köhler und große Teile der Belegschaft die Kurzarbeit nicht völlig überraschend trifft (Köhler: „kam mit Ansage“), beschreibt sie ein neues Kapitel der Krise. Zwar hatte sich die Konzernführung Anfang März bei der Jahrespressekonferenz noch bemüht, die Lage trotz der Millionenverluste und des Rekordtiefs des Aktienkurses nicht als dramatisch zu bewerten. Aber ein positives Signal ist das auch nicht.
Weniger Homeoffice: Schaeffler ruft Leute zurück ins Büro
Doch damit immer noch nicht genug. „Es kommt jeden Tag eine neue Hiobsbotschaft“, sagt Köhler. Stichwort Homeoffice: Bei Schaeffler gelte laut der Betriebsrätin seit Jahren eine konzernweite Betriebsvereinbarung, der zufolge das mobile Arbeiten möglich sei. Theoretisch uneingeschränkt. Nun sei Schaeffler aber wohl zurückgerudert und habe seine Belegschaft zunächst noch mehr gebeten als gezwungen, wieder vermehrt ins Büro zurückzukehren. Arbeitnehmer an drei Tagen, Führungskräfte gar an vier.
Was Stellenkürzungen und Kurzarbeit nicht schafften, vermag diese Info dann doch: Die Angestellten reagieren empört. Es fallen Worte wie „absolut unverständlich“ und „lächerlich“. Auch der Betriebsrat will das nicht auf sich sitzen lassen. Er hat wegen „fehlender Mitbestimmung“ bereits eine Verfahrensprüfung vor dem Arbeitsgericht Nürnberg in Auftrag gegeben.
„Arbeiten vor Ort ist und bleibt ein wichtiger Grundpfeiler des Arbeitsmodells bei Schaeffler“, erklärt die Pressestelle auf Nachfrage. So sei der Austausch vor Ort „die Grundlage für den Aufbau starker Teams und Netzwerke“. Die neu ausgesprochenen Vorgaben seien eine „Guideline“, „um insbesondere nach dem Zusammenschluss mit Vitesco Technologies eine gemeinsame Orientierung zu schaffen“. Doch eben jene Mitarbeiter, die noch vom ehemaligen Vitesco-Sitz in Regensburg aus arbeiten, trifft die neue Regelung schwer, wie einige Betroffene anonym zugeben.
Dass Schaeffler weiterhin nicht zur Ruhe kommen wird, ist der Konzernspitze genauso klar wie den Beschäftigten und dem Betriebsrat. Daher formuliert Hanna Köhler ihr Fazit so: „Für uns als Betriebsrat hat die Sicherung der Arbeitsplätze und die Sicherung des Stammwerks in Herzogenaurach höchste Priorität. So setzen wir uns für die Ansiedlung zukunftsfähiger Produkte ein, um auch über das Jahr 2030 in Herzogenaurach produzieren zu können.“





















