Schlimme Szenen müssen sich am 30. September 1933 auf dem Coburger Marktplatz abgespielt haben. Oskar Engel, Lehrer an der Rückertschule, wurde öffentlich an den Pranger gestellt. Er bekam von den Nationalsozialisten ein Schild umgehängt: „Ich habe den Schülern verboten, Heil Hitler zu sagen.“
SA-Männer trieben ihn durch die Stadt
Zuvor war Oskar Engel von mehreren SA-Männern einmal quer durch die Innenstadt geschubst und getrieben worden. Später gab der Lehrer der Stadtschulbehörde einen Bericht ab. Er schrieb: „Die Schulkinder, denen ich auf dem Weg begegnete, grüßten mich zum größten Teil, vielen sah man die Trauer an, viele Leute grüßten mich und winkten mir zu, manche Leute weinten sogar, andere waren von Ingrimm erfüllt. Manchen machte natürlich der Aufzug auch Freude.“
Fast 100 Jahre später, am 13. Mai 2024, herrschte auf demselben Marktplatz eine sehr ausgelassene Stimmung. Das Wetter war frühsommerlich, und es hüpften sogar schon ein paar Kinder vergnügt durch die Wasserfontänen am Prinz-Albert-Denkmal.
Bedrückende Stimmung
Doch gleich nebenan, im großen Saal des Rathauses, war die Stimmung eine völlig andere. Viele der Zuhörerinnen und Zuhörer empfanden es als sehr bedrückend, als sie den Worten von Dr. Eva Karl lauschten. Unter anderem erzählte die Historikerin von Oskar Engel – aber auch noch von vielen weiteren Schicksalen und Gräueltaten in der NS-Zeit.
Oberbürgermeister Dominik Sauerteig (SPD) hatte es bereits in seinen einleitenden Worten gesagt: So sehr es auch schmerze, sich mit dem dunkelsten Kapitel der Coburger Stadtgeschichte zu beschäftigen, so wichtig sei es. Wohl wissend, dass es sich um ein Thema handele, dass viele in Coburg „über Jahrzehnte viele vielleicht lieber vergessen hätten“. Aber: „Vergessen ist nicht möglich und vergessen ist falsch.“
Wie konnte es dazu kommen?
2015 hatte sich der Coburger Stadtrat das Ziel gesetzt, die Geschehnisse in Coburg zur NS-Zeit aufarbeiten zu lassen. Zu diesem Zweck setzte er eine Historikerkommission unter Leitung von Prof. Dr. Gert Melville ein. Die Umsetzung der Forschung übernahm Eva Karl. Im Zentrum der Arbeit stand die Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass Coburg zur ersten nationalsozialistischen Stadt Deutschlands wurde?
Mit Demut
„Jetzt ist das Manuskript fertig“, stellte Dominik Sauerteig am Montag fest. Es handele sich um ein Werk, „auf das wir alle seit 2015 gebannt mit mehr oder weniger Demut, Interesse, Respekt und Neugier warten.“
Keine juristische Anklage
Eines stellte Eva Karl aber gleich zu Beginn ihrer Präsentation fest: Es sei in ihrer Arbeit nicht darum gegangen, juristische Anklagen oder Freisprüche zu formulieren. Auch die Frage nach Schuld habe sich erst einmal nicht gestellt. Stattdessen hätten Handlungsräume, Routinen, Rituale und Kommunikationsmuster im Fokus gestanden, welche die Essenz der nationalsozialistischen Gesellschaft im Coburg der späten 1920er Jahre ausmachten.
Die Antwort auf die Frage, warum Coburg zur „Avantgarde des Nationalsozialismus“ wurde, habe sie vor allem in dem bislang noch wenig beachteten Blick auf das „bürgerliche Coburg“ gefunden. Dieser Blick habe eine „über Jahrzehnte etablierte Mentalität und Weltanschauung“ offenbart, die sich anschlussfähig für radikales Gedankengut gemacht habe.
Aufgeladen mit völkischen Ideen
Eva Karl: „Nach Krieg und Revolution fand man hier ein orientierungsloses Bürgertum vor, geplagt von wirtschaftlicher und identifikatorischer Unsicherheit. Das Bürgertum versteifte sich auf einen tief verwurzelten Antisozialismus und band sich weiter fest an das herzogliche Haus.“ Die mehrheitlich liberale Orientierung habe dabei immer mehr nationalliberale und auch konservativ-populistische Züge angenommen. Schließlich sei die Orientierung von einer aufstrebenden Größe „überstülpt“ worden, dem Nationalismus. Dies habe über Bevölkerungsschichten hinweg zusammengeschweißt und sich immer mehr mit völkischen Ideen aufgeladen.
Eva Karl schilderte, wie sich die Demokratie sehr schwertat, in Coburg Fuß zu fassen. Als ein „Schlüsselereignis“ bezeichnete sie die Bürgermeisterwahl von 1924. Erich Unverfähr holte zwar die meisten Stimmen, aber nicht die absolute Mehrheit. Es kam zu einer Stichwahl im Stadtrat, die Unverfähr mit 14:13 gewann. Diese Wahl habe dem Vertrauensverlust großer Teile der Bevölkerung in das kommunalpolitische System „erheblichen Vorschub“ geleistet, so Eva Karl. Bereits in den frühen 1920er Jahren sei die Integration der Mehrheit des Courger Bürgertums in die Demokratie „gescheitert“ gewesen.
Die Rolle des Coburger Herzogshauses
Was die Rolle des ehemaligen Herzogshauses anbelangte, kam Eva Karl natürlich auf Carl Eduard zu sprechen. Der letzte Coburger Herzog habe ab 1919 Anschluss an völkische und national-konservative Kreise gesucht. Die Historikerin sagte: „Sowohl Carl Eduard als auch das Stadtbürgertum waren auf der Suche nach einer politischen Kraft, die nicht nur die Wiederbelebung der guten alten Zeit, sondern vielmehr das Gefühl eines Aufschwungs versprach und Coburg wieder an die Spitze stellte, in der NSDAP fündig geworden.“
Nachdem die NSDAP die Mehrheit im Coburger Stadtrat erringen konnte, wurde Erich Unverfähr 1931 abgesetzt. Sein Nachfolger – jetzt mit dem Titel „Oberbürgermeister“ – wurde Franz Schwede. Die von Franz Schwede und Carl Eduard aufgebauten Netzwerke hätten „erheblich“ zur Festigung des Regimes beigetragen, so Eva Karl.
Das Image und ein Mythos
Doch nicht nur der „Herrschaftsraum“, also etwa die Stadtverwaltung, waren sehr schnell nationalsozialistisch geprägt. Auch im „Lebensraum“ des damaligen Coburg war dies der Fall. In diesem „Lebensraum“ warf Eva Karl unter anderem einen Blick auf die Image- und Kulturpolitik: „Im Zentrum des nationalsozialistischen Image Coburgs stand vor allem ein Mythos, der die Rolle als erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands als Coburgs vorbestimmtes Schicksal umdeutete. Dieses Image wurde durch eine Symbol- und Raumpolitik, in der Touristikwerbung, aber auch in einer Fest- und Feierkultur vermittelt und diente maßgeblich zur Integration der Coburger Volksgenossen.“
Die Rolle des Landestheaters
Eine zentrale Rolle in der Kulturpolitik bekam das Landestheater. Eva Karl: „Nach den Zielen der NSDAP sollte das Landestheater sowohl organisatorisch, personell und in Bezug auf den Spielplan in ein nationalsozialistisches Volkstheater umgewandelt werden.“ Das Theater als Ort der Bürgerlichen sei aufgelöst und immer mehr theaterferne Kreise an die Vorstellungen herangeführt worden. „Der Theaterbesuch wurde letztlich auch durch Zwang zur nationalen Pflicht erhoben.“ Eva Karl kam gar zu dem Fazit: „Das Landestheater hatte maßgeblich zur Nazifizierung des Coburger Bürgertums beigetragen.“
Weitere Teilbereiche, die Eva Karl erforscht hat, sind die Fürsorge- und Gesundheitspolitik sowie die Verfolgung von Gemeinschaftsfremden. Eine Erkenntnis dabei lautet: „Spätestens seit 1929 gehörte Gewalt gegen die Gegner der NSDAP zum Alltag in Coburg. Sie formte sich zu Gewaltritualen von SA und SS aus, denen von Seiten der Behörden und der Öffentlichkeit kaum etwas entgegengesetzt wurde.“
„Es fand ein Prozess statt“
Abschließend kam Eva Karl zu der Feststellung, dass die Geschichte der Stadt Coburg im Dritten Reich – „wie in vielen anderen Städten“ – nicht in erster Linie entlang der Linien von „blinder Überzeugung“ auf der einen und unerbittlichem Widerstand auf der anderen Seite verlaufen sei. „Es fand vielmehr ein Prozess statt, bei dem die Gegensätzlichkeiten des Dritten Reichs zwischen Staat und Partei, Gewalt und verführender Propaganda, zwischen persönlichen Vorzügen und radikalen Verdrängungsprozessen vor Ort ausgehandelt werden mussten.“
„Bereitschaft zur Selbstmobilisierung“
In Coburg habe die NSDAP dabei das Potenzial „voll ausschöpfen“ können, das städtische Selbstbild eng mit der eigenen Rolle im Dritten Reich verschmelzen zu lassen. „Coburg voran“ sei nicht nur eine hohle Propagandaphrase gewesen. Stattdessen hätten sich die Coburger NSDAP, die Stadtverwaltung und auch Teile der Bevölkerung dies als Motto geradezu angeeignet. Und es habe ich auch ganz konkret im Handeln niedergeschlagen. „Hier bestätigt sich nachdrücklich, dass das NS-Regime nicht nur durch strenge Befehlsausführungen und Zwang Bestand hatte, sondern eine beachtliche Bereitschaft zur Selbstmobilisierung vorhanden war, an der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft mitzuwirken.“
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