Bei der Veranstaltung am Montagabend im Rathaussaal stand eigentlich die NS-Zeit im Mittelpunkt. Doch bevor Dr. Eva Karl ihre Forschungsergebnisse zum dunkelsten Kapitel in der Coburger Stadtgeschichte präsentierte, sprach Prof. Dr. Gert Melville auch über Gaddafi, Putin und Donald Trump – oder, wie er es sagte: Er führte die Zuhörerinnen und Zuhörer „im Zickzack-Kurs durch verschiedene Epochen und Schauplätze der Geschichte.“ Denn er wollte damit verdeutlichen, dass es um ein Problem gehe, dass sich immer wieder nach vergleichbaren Mechanismen und mit ähnlicher personeller Besetzung „reproduziere“.
Die Magie der Autokratie
Der Titel des Vortrags von Gert Melville lautete: „Die Magie der Autokratie“. Eine seiner zentralen Botschaften beziehungsweise Warnungen lautete: „Lässt man Autokraten freien Lauf, so entwickeln sie sich fast unbemerkbar zu Diktatoren.“
Trump ein „Möchtegern-Autokrat“
Donald Trump ist nach Einschätzung von Gert Melville ein „Möchtegern-Autokrat“. Er nannte ein kämpferisches Zitat des ehemaligen US-Präsidenten und analysierte es zugleich. Melville sprach von Worten, die „umarmen“ und durch die Menschen ihre Ängste verlieren wollen.
Zumindest könnte es eine solche Wirkung bei denjenigen Menschen haben, die einen „Rächer“ brauchen für eine erlittene Demütigung oder die auch einfach nur etwas von der Kraft abhaben wollen, die einem vermeintlich immer siegreichen Typen wie Trump zu eigen sind. Mit „einfacher Logik“ sei die „magische Kraft“, die von solchen Worten ausgehe, nicht zu erklären.
Sowohl bei Autokraten als auch bei Diktatoren seien psychische und physische Gewalt ein „probates Mittel zur Durchsetzung von Macht“. Gewalt sei aber auch kein Pauschalmittel, das zur Macht führe und diese stabilisiere. „Macht lässt sich wesentlich nachhaltiger sichern, wenn man ihren Zwangscharakter versteckt und stattdessen ihr Erlösungspotenzial präsentiert, wenn man also Macht nicht als Mittel der Unterdrückung, sondern als das der Befreiung des Menschen propagiert, der mithilfe des Mächtigen alles vermeintlich Hinderliche, Ungerechte, Benachteiligende ablegen und zu allem streben zu können scheint, was er begehrt.“ Diese Inversion setzte jedoch ein Verhältnis der Harmonie beziehungsweise der Gefolgschaft zwischen Mächtigen und Mitnutzern von deren Macht voraus.
Eindringlicher Appell von Gert Melville
Bei der Frage, ob gegen die sich immer wieder wiederholenden Mechanismen etwas tun lässt, musste Gert Melville die Zuhörerinnen und Zuhörer zunächst enttäuschen: „Gänzlich werden wir es nie ein für alle Mal lösen können.“ Aber sein eindringlicher Appell lautete: „Wir sollten von den Abgründen der Autokratie und Diktatur derart schockiert sein, dass wir den jetzt sich erneut auftuenden Bedrohungen mit allen Mitteln entgegentreten sollten.“
Verunsicherte Demokraten?
Aber was könnten solche „Mittel“ sein? Gehören radikale Parteien verboten werden? Oder sollten die anderen Parteien zumindest eine Brandmauer gegen sie errichten? Gert Melville zitierte den ehemaligen Verfassungsrichter Peter Müller. Der habe neulich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt: Solche Maßnahmen wären nicht der Ausdruck von Selbstbewusstsein, sondern ein „Ausdruck der Verzagtheit verunsicherter Demokraten“.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“
Gert Melville hat einen besseren Rat. Denn: „Ich meine, wir besitzen gleichwohl ein hervorragendes Arsenal für die Brechung von autokratischen Strömungen.“ Dieses Arsenal habe seinen Sitz in Paragraf 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Er gebe dem FDP-Politiker Gerhart Baum recht: Es sei ein „Geschenk“, dass die deutsche Verfassung auf die Basis der Menschenwürde gebaut wurde. Gert Melville: „Das sollte uns alle Verzagtheit nehmen!“ Und: „Diese Würde sollte uns mit Stolz erfüllen, aber auch – und das ist das Entscheidende – mit Verantwortungsbewusstsein.“
Mahnung von Melville
Melvilles Mahnung „Wir tragen eine Verantwortung für unsere Mündigkeit, denn nur als mündige Menschen und nicht als Profiteure von autokratischer Macht, werden wir dieser Würde gerecht.“
Bestialität in der NS-Zeit
Hilfreich sei der Aufbau eines eigenen Transzendenzraumes, so Melville. Die Väter des Grundgesetzes hätten einen solchen Raum besessen, und zwar in Form ihrer Erinnerung an die grausame Ermordung von Millionen Menschen sowie an „die Bestialität und die Zerschlagung aller Werte“.
Der Schlussappell von Gert Melville lautete: „Diese Transzendenz des Raumes der Geschichte brauchen wir, um zu wissen, wie es dazu kam und immer wieder kommen könnte, und um uns auszukennen, wie sie, die Möchtegern-Autokraten, es anstellen, um die Macht über uns zu gewinnen.“ Auch gehe es darum, zu erkennen, wenn Autokraten sich als „gute Vertreter der Demokarten“ tarnen, dann aber damit beginnen würden, die Demokratie auszuhöhlen.
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