Wie konnte es dazu kommen, dass Coburg zur ersten nationalsozialistischen Stadt Deutschlands wurde? Als jetzt die umfassenden Ergebnisse einer entsprechenden Forschungsarbeit vorgestellt wurden, war auch der Unternehmer Michael Stoschek unter den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern im Rathaussaal. Das war insofern von besonderer Bedeutung, weil Diskussionen um Stoscheks Großvater Max Brose die ganze Thematik erst ins Rollen gebracht hatte.
2015 war ein weiterer (und letztlich auch erfolgreicher) Anlauf unternommen worden, eine Straße in Coburg nach dem Firmengründer Max Brose zu benennen. Erneut gab es aber eine kontroverse Diskussion, wie genau die Rolle von Max Brose in der NS-Zeit einzuordnen ist. Daraus wiederum entwickelte sich die Frage, wie diesbezüglich auch die Rolle der gesamten Stadt zu bewerten ist.
Die entsprechende Forschungsarbeit von Dr. Eva Karl hat Michael Stoschek sehr beeindruckt. Noch am Abend der Präsentation schrieb Stoschek eine Mail an Prof. Dr. Gert Melville, den Leiter der vom Stadtrat beauftragten Historikerkommission. Darin dankt er für die Arbeit und gewährt zudem Einblicke in die Gefühlswelt seiner Familie. Diese habe sich nämlich „immer geschämt“, dass sie auf Anraten eines Geschäftspartners ausgerechnet nach Coburg umgezogen sei.
Die Mail, die von Michael Stoschek auch den Medien zur Verfügung gestellt wurde, im Wortlaut:
„Sehr geehrter Herr Professor Melville, für die beeindruckende, aber zugleich außerordentlich bedrückende Veranstaltung, die eben zu Ende ging, möchte ich Ihnen ganz spontan meinen Dank und meine Anerkennung übermitteln. Ihr einleitender Vortrag über die Aktualität totalitärer Gesinnung und die immer geringere Toleranz gegenüber Andersdenkenden war überzeugend formuliert. Die drei Beispiele aus der Arbeit von Frau Dr. Karl waren für Menschen meiner Generation unglaublich in ihrer Konsequenz, mit der das Naziregime schrittweise die Coburger Gesellschaft vereinnahmt hat.“
Und weiter schreibt Stoschek: „Meine Familie stammt ja nicht aus Coburg, und nun verstehe ich, weshalb sie sich immer geschämt hat, dass sie auf Anraten des Geschäftspartners meines Großvaters Max Brose von Berlin nach Coburg umziehen musste. Vor Hintergrund der Schilderungen von Frau Dr. Karl über die Vorgänge in der Coburger Prügelstube denke ich nun mit Hochachtung daran, dass mein Großvater in einer Rede als IHK Präsident von den ,Gräueltaten der Nazis' gesprochen hat. Und das in einer Stadt unter Oberbürgermeister Schwede.“
“Ich hoffe, dass künftig die traurige Vergangenheit Coburgs im Dritten Reich nicht verschwiegen wird.
”
Stoscheks Mail endet zunächst mit diesen Worten: „Nochmals Danke und Anerkennung für diese wichtige Veranstaltung zum Auftakt der Fertigstellung des Buches.“ Außerdem berichtet er noch von dieser Begegnung: „Ich gehe eben an einer Besuchergruppe vorbei, die von einem Stadtführer durch unsere Altstadt geleitet wird. Ich hoffe, dass bei dieser Gelegenheit künftig die traurige Vergangenheit Coburgs im Dritten Reich nicht verschwiegen wird.“















