Es ist erstaunlich ruhig auf den breiten, hellen Fluren. Würden vor der einen oder anderen Zimmertür nicht ein paar Schuhe stehen, könnte man glatt denken, das Gebäude in der Coburger Goethestraße sei leer und verlassen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Seit ein paar Monaten dient das ehemalige Seniorenheim als Gemeinschaftsunterkunft für Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind. Menschen, die schlimme Sachen erlebt haben und oft auch vor einer ungewissen Zukunft stehen.
Stadt Coburg protestierte erfolglos
Es war die Entscheidung der Regierung von Oberfranken, in diesem Gebäude eine Gemeinschaftsunterkunft einzurichten. Die Stadt Coburg, die grundsätzlich eine dezentrale Unterbringung in deutlich kleineren Unterkünften bevorzugt, protestierte allerdings erfolglos.
Die Bedenken, die es auch in der Nachbarschaft gab, sieht Jürgen Neubauer von der Regierung von Oberfranken aber als unbegründet an. Bislang, so beteuert er im Gespräch mit dem Coburger Tageblatt, habe es keinerlei Probleme gegeben. Zu verdanken sei das aber nicht zuletzt auch vielen engagierten Menschen.
„Die Leute hier sind anständig“
Da ist zum Beispiel Jürgen Fleißner, der als Hausverwalter in der Gemeinschaftsunterkunft tätig ist. Der 42-Jährige sagt: „Die Leute hier sind anständig.“
Da ist aber vor allem Hannah Blümlein, die als Migrationsberaterin bei der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Coburger Caritas tätig ist. Die 28-Jährige ist aber nicht nur als Beraterin gefragt, sondern oft auch als Seelentrösterin.
Eine herausfordernde Arbeit
49 Menschen wohnen zurzeit in dem Gebäude am Rande der Coburger Innenstadt. Sie kommen direkt aus dem chronisch überfüllten Ankerzentrum in Bamberg hierher. Jeder dieser 49 Menschen hat seine eigene Geschichte. Hannah Blümlein dürfte fast alle dieser Geschichten kennen. Das macht ihre Arbeit herausfordernd und segensreich zugleich.
„Ich helfe zum Beispiel beim Ausfüllen von Anträgen und bei der Kommunikation mit den verschiedenen Ämtern“, erklärt Hannah Blümlein, „manchmal habe ich aber auch einfach nur ein offenes Ohr.“ Denn: „Manche Bewohner, die zu mir in die wöchentliche Sprechstunde kommen, haben gar kein konkretes Anliegen. Sie wollen etwas erzählen über sich und ihr Leben – und sie freuen sich, wenn ihnen jemand zuhört.“
Konfrontiert mit vielen Schicksalen
Doch wie geht eine junge Frau wie Hannah Blümlein mit diesen oft nicht leichten Geschichten um? Wie schafft sie es, dass die Schicksale, mit denen sie tagsüber konfrontiert wird, nicht ständig verfolgen und belasten? Hannah Blümlein erklärt: „Ich habe für mich beschlossen, klar zu unterscheiden: Was kann ich leisten und was nicht?“ Ergebnis: „Ich kann zum Beispiel nichts an der Lage in Syrien ändern – aber ich kann hier vor Ort helfen.“ Genau das tut sie.
Große Dankbarkeit und kleine Gesten
Ja, es sei eine herausfordernde Tätigkeit, räumt Hannah Blümlein ein. Man bekomme aber auch sehr viel zurück. Dankbarkeit zum Beispiel. Oder kleine Gesten.
„Viele meiner Klienten müssen weinen, wenn sie mir von ihrer Flucht erzählen“, sagt Hannah Blümlein. „Wenn ich aber sehe, wie diese Menschen einige Wochen oder Monate später auch wieder einmal lachen können, dann erfüllt mich das sehr.“
Es sei ihr auch schon passiert, erzählt Hannah Blümlein, dass sich Menschen, die eine Flüchtlingsunterkunft längst verlassen haben, plötzlich bei ihr melden: „Einige erzählen mir dann ganz glücklich, dass sie jetzt eine Arbeit gefunden haben.“ Nach einer kurzen Pause sagt Hannah Blümlein: „Das ist richtig schön.“
Der Traum von einer heilen Welt
Doch unschöne Situationen gehören ebenfalls zum Arbeitsalltag von Hannah Blümlein. Etwa dann, wenn sie jemandem erklären muss, dass seine Chancen auf einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland sehr gering oder gar bei Null sind. Dies ist unter anderem dann der Fall, wenn jemand aus einem Land kommt, das als sicheres Herkunftsland eingestuft worden ist. „Viele Schleuser versprechen diesen Menschen leider das Blaue vom Himmel“, weiß Hannah Blümlein. Deshalb sei es bitter, wenn sie dann mit ihrer Aufklärung über die tatsächlichen Begebenheiten den „Traum von einer heilen Welt in Deutschland“ zerstören müsse. Andererseits: Hannah Blümlein kann vor Ort helfen und unterstützen – aber sie kann nicht die deutsche Rechtslage verändern.
Hannah Blümlein ist bereits seit vielen Jahren in der Flüchtlingshilfe aktiv. Begonnen hat sie bereits als Jugendliche. Damals entstand in der Nähe ihres Elternhauses eine Flüchtlingsunterkunft. „Ich habe die Not gesehen und wollte helfen.“ Nach der Schule studierte sie interkulturelle Bildung, Migration und Mehrsprachigkeit. 2018 begann sie hauptberuflich im Ankerzentrum in Suhl zu arbeiten. Seit fast zwei Jahren ist sie in ihrer Heimatstadt Coburg bei der Caritas.
Persönlicher Austausch ist wichtig
Die Caritas verfügt in Coburg über ein fast zehnköpfiges Team, das sich um die Betreuung von geflüchteten Menschen kümmert. Das bringt viele Vorteile mit sich, wie Caritas-Geschäftsführer Norbert Hartz erzählt: „In einem Team kann man sich gegenseitig stützen.“ Hannah Blümlein bestätigt: „Dieser persönliche Austausch untereinander ist enorm wichtig.“
Fingerspitzengefühl wichtig
Auch mit Jürgen Fleißner befindet sich Hannah Blümlein in einem stetigen Austausch. Ohnehin ist es sowohl der Regierung als auch der Caritas sehr wichtig, für die Gemeinschaftsunterkünfte „empathische Hausverwalter“ gewinnen zu können. „So ein Hausverwalter braucht auch Fingerspitzengefühl“, sagt Jürgen Neubauer. Norbert Hartz ergänzt: „Ein Hausverwalter muss nicht nur handwerklich begabt sein. Er muss auch verbinden können, er muss mit den Leuten reden können.“
Mit Händen und Füßen
Apropos: Wie klappt das eigentlich mit der Verständigung? Schließlich leben auch in der Goethestraße Menschen vieler verschiedener Nationalitäten zusammen. „Das klappt schon“, sagt Jürgen Fleißner und schmunzelt, „manchmal rede ich mit Händen und Füßen.“
Die Sache mit dem Dolmetschen
Bei den Gesprächen, die Hannah Blümlein führt, geht es aber oft um wichtige, rechtliche Details. Da kann und darf sie sich nicht nur auf Hände und Füße verlassen. „Ich spreche Deutsch, Englisch und Spanisch. Viele der geflüchteten Menschen können zumindest rudimentär Englisch oder Deutsch.“ Sollte dies nicht der Fall sein, würden die Betroffenen oft Landsleute zu den Gesprächen mitbringen, die als Dolmetscher fungieren. Eine große Hilfe seien aber Übersetzungsprogramme sowie diverse Apps, die die Rolle eines Dolmetschers übernehmen. Hannah Blümlein hat allerdings festgestellt: „Für die arabischen Sprachen gibt es etliche solcher Apps – für afrikanische hingegen kaum.“
Hannah Blümlein hat festgestellt, dass in Familien mit Kindern das Erlernen der deutschen Sprache deutlich schneller geht. Und zwar dann, wenn die Kinder regelmäßig eine Schule besuchen.
Im Zusammenhang mit dem Thema Schule spielt auch die Lage der Gemeinschaftsunterkunft eine Rolle. Hannah Blümlein findet die zentrale Lage in der Goethestraße sehr praktisch und hilfreich. „Das ermöglicht kurze Wege – zum Sozialamt oder auch zu unserem Caritas-Büro in der Ernst-Faber-Straße.“ Und zu den Schulen.
Etagenbäder und ein Garten
Auch Jürgen Neubauer lobt die in Privatbesitz befindliche Immobilie, die von der Regierung angemietet wurde. Sie verfügt über einige abgeschlossene Wohnungen mit eigener Küche, Bad und WC. Ebenso gibt es kleinere Wohneinheiten, für deren Bewohner eine Gemeinschaftsküche und ein Etagenbad zur Verfügung steht. Ein weiterer Grund, warum die Gemeinschaftsunterkunft in der Goethestraße vor allem für Familien als gut geeignet gilt, ist der kleine Garten.
Den Aufzug gibt’s nicht mehr
Auch Menschen mit einem Handicap sind in dem ehemaligen Pflegeheim untergebracht. Barrierefrei ist allerdings nur noch das Erdgeschoss. Den ehemaligen Aufzug gibt es nicht mehr. Der Eigentümer hat ihn bereits vor geraumer Zeit umfunktioniert: Im Aufzugsschacht von einst befinden sich jetzt Abstellkammern. „Es ist aber sehr praktisch, diesen zusätzlichen Stauraum zu haben“, beteuert Jürgen Neubauer. Hannah Blümlein würde jetzt wahrscheinlich sagen: Ändern lässt sich das jetzt sowieso nicht mehr…
Keine einfachen Antworten
Unser Gespräch endet mit einigen allgemeinen Gedanken. „Unser Ziel ist es, hier ein vernünftiges Miteinander hinzubekommen“, sagt Norbert Hartz. Bislang, so sehe er das, gelinge das. Was die einzelnen Menschen und deren Schicksale betrifft, warnt der Caritas-Geschäftsführer vor einer Verallgemeinerung: „Man darf nicht alle über einen Kamm scheren.“ Und: „Oft gibt es keine einfachen Antworten.“ Zugleich spricht er von einer „gesamtgesellschaftlichen Aufgabe“, die auch hier in der Goethestraße bewältigt werden müsse.
Wenn Träume platzen
Wie lange die einzelnen Menschen in der Goethestraße wohnen bleiben, ist sehr unterschiedlich. Einige müssen bereits nach wenigen Wochen sowohl Coburg als auch Deutschland schon wieder verlassen – dann, wenn Träume geplatzt sind. Bei anderen dauert das Asylverfahren deutlich länger. Manchmal kann sich ein solches Verfahren sogar über Jahre hinziehen.
Anker-Einrichtung in Bamberg entlasten
Kritik, dass die Asylverfahren in Deutschland zu lange dauern, ist von einem Vertreter der Regierung selbstverständlich nicht zu erwarten. Jürgen Neubauer beschränkt sich – so wie Hannah Blümlein – lieber auf das, was er direkt beeinflussen kann: „Mithilfe solcher Gemeinschaftsunterkünfte wie in der Goethestraße ist es uns gelungen, die Anker-Einrichtung in Bamberg zu entlasten und deren Aufnahmefähigkeit zu erhalten.“
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