Nachgefragt
Warum die Coburger auf die Straße gehen
Das Virus scheint die Gesellschaft zu spalten. Doch wie weit liegen die Lager tatsächlich auseinander? Wir haben zwei Vertretern aus verschiedenen Lagern exakt die gleichen Fragen gestellt.
Das Virus scheint die Gesellschaft zu spalten. Doch wie weit liegen die Lager tatsächlich auseinander? Wir haben zwei Vertretern aus verschiedenen Lagern exakt die gleichen Fragen gestellt.
Foto: Hackenberg, Deaky
Coburg – Während die einen den Pandemie-Opfern gedenken, laufen zeitgleich Gegner der Corona-Maßnahmen durch die Stadt. Was treibt die Menschen an?

Das Virus scheint die Gesellschaft zu spalten. Doch wie weit liegen die Lager tatsächlich auseinander? Wir haben nachgehakt.

Regine Blümig aus Bad Rodach:

"Wenn wir jetzt kein Vertrauen in Medizin und Wissenschaft haben, haben wir ein großes Problem. "

Regine Blümig sorgt sich, dass die Angst der Menschen  vor dem Virus  von Rechten  instrumentalisiert wird.
Regine Blümig sorgt sich, dass die Angst der Menschen vor dem Virus von Rechten instrumentalisiert wird.
Foto: Sandra Hackenberg

Warum sind Sie heute hier?

Ich bin eigentlich ein Mensch, der sich im Hintergrund hält. Aber ich bin heute zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Demo, weil ich es nicht mehr ertrage, wie sich Woche für Woche Rechte und Querdenker unter die Menschen mischen, die aktuell gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung und die Impfpflicht demonstrieren und die auch ihre berechtigten Sorgen haben. Die Angst der Menschen vor der Pandemie wird von rechten Lagern genutzt, um Zorn und Hass zu schüren. Es findet bei solchen unangemeldeten Veranstaltungen eine Vermischung verschiedenster Beweggründe und Gesinnungen statt, was sehr gefährlich ist.

Haben Sie Vertrauen in die angebotenen Impfstoffe?

Ich habe Vertrauen in die Impfstoffe, bin selbst geimpft und geboostert. Wenn wir in der jetzigen Situation kein Vertrauen in Mediziner und Wissenschaftler haben, haben wir ein großes Problem, wie man sieht.

Glauben Sie, dass die alte Regierung gut in der Pandemie gearbeitet hat?

Das streitet niemand ab: Natürlich gab es Maßnahmen, die man infrage stellen konnte, beispielsweise die Maskenpflicht in Innenräumen. Einmal Platz genommen, darf man die Maske abnehmen. Das macht für mich keinen Sinn, weil die Aerosole so oder so in der Luft sind, ob ich nun sitze oder stehe. Doch man muss auch sehen, dass die Regierung innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen treffen musste - in einer Situation, die es so noch nie gab.

Und die neue?

Ich bin zuversichtlich, weil mir mit unserem neuen Gesundheitsminister meiner Meinung nach einen Mann vom Fach haben. Alles andere wird die Zeit zeigen.

Was erwarten Sie in der jetzigen Situation konkret von einer Kommune wie der Stadt Coburg?

Dass sie klar Position bezieht, sogenannte Spaziergänge und unangemeldete Veranstaltungen vor dem Rathaus unterbindet. Ich bin hier, um zu zeigen, dass die Mehrheit Querdenkern nicht stillschweigend den Marktplatz überlässt.

Was würden Sie den Teilnehmern der anderen Veranstaltung gerne sagen?

Ich möchte diesen Menschen sagen, dass sie sich nicht nur über Telegram informieren und nicht alles glauben sollen, was im Internet geschrieben wird. Sie sollen sich breit und umfassend informieren und nicht nur das glauben, was sie glauben wollen. Ich akzeptiere andere Meinungen und habe nichts gegen gesunde Skepsis. Aber wenn man die moderne Wissenschaft in Abrede stellt und die Argumente unrealistisch werden, ist ein Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr schweigen kann. Ich will nicht, dass unsere Enkel eines Tages fragen: "Warum habt ihr das zugelassen?"

Würden Sie eine Freundschaft zerbrechen lassen, wenn jemand genau die entgegengesetzte Meinung hat zu Ihrer in Sachen Corona-Politik hat?

Ich habe das im eigenen Bekanntenkreis erlebt und mich sehr lange darum bemüht, Verständnis für die Gegenseite aufzubringen und auch miteinander zu reden. Komischerweise lässt sich so mancher Impfgegner doch recht schnell impfen, wenn er den Nachweis braucht, um in Urlaub zu fahren. Und wenn dann bei der anderen Seite absolut kein Verständnis und Durchkommen ist, ja, dann gehen Freundschaften zu Ende.

Was sagen Sie Menschen, die behaupten, Bill Gates würde uns allen Chips implantieren?

Wie kommen Sie nur zu so einer Annahme?

Was würden Sie Menschen sagen, die auf der Intensivstation arbeiten, wenn Sie könnten?

Einfach nur riesengroße Hochachtung, dass sie das alles so aus- und durchhalten und wirklich jeden schweren Coronafall behandeln - egal ob er ungeimpft ist oder nicht.

Was glauben Sie, braucht unsere Gesellschaft im Moment am meisten?

Solidarität und Menschen, die laut die Realität aussprechen und sich nicht fürchten.

 

Peter Michel aus Bad Staffelstein:

"Es muss möglich sein, dass wir uns alle die Hände reichen. Geimpfte und Ungeimpfte."

Peter Michel geht auf die Straße, weil er die Grundrechte durch die Corona-Maßnahmen gefährdet sieht.
Peter Michel geht auf die Straße, weil er die Grundrechte durch die Corona-Maßnahmen gefährdet sieht.
Foto: Fajsz Deaky

Warum sind Sie heute hier?

Weil ich Grundrechte durch die aktuellen Maßnahmen eingeschränkt sehe, und die Meinungsfreiheit. Das ist nicht mein Demokratieverständnis und ich halte es für verfassungsrechtlich bedenklich der sogenannten "Randgruppe" der Impfgegner gegenüber.

Haben Sie Vertrauen in die angebotenen Impfstoffe?

Nein. Ich bin kein Impfgegner, aber die Impfstoffe, die wir haben, halten nicht, was sie versprechen. Das sehen wir unter anderem bei Impfdurchbrüchen auch bei Geboosterten. Ich begründe das auch mit offiziellen Statements der WHO und der EMA. Zum Beispiel, dass es laut WHO 2,8 Millionen Einträge zu schweren Nebenwirkungen gegeben hat. Bei der Masern-Impfung hat es solche Einträge bisher nur in einer Größenordnung von rund 6500 gegeben.

Glauben Sie, dass die alte Regierung gut in der Pandemie gearbeitet hat?

Nein, sie hat chaotisch agiert.

Und die neue?

Die macht genau da weiter. Erst sagen die Politiker, unter anderem Herr Lindner, es wird keine Impfpflicht geben, dann kippt all das wieder. Da darf man sich nicht wundern, wenn sich über solche Äußerungen die Gesellschaft spaltet. Die Spaltung findet nicht auf der Straße statt, sondern in der Politik.

Was erwarten Sie in der jetzigen Situation konkret von einer Kommune wie der Stadt Coburg?

Ich würde Kommunikation erwarten, dass von den Verantwortlichen auch jemand mit uns spricht und uns nicht als rechtsradikal verteufelt. Ich war auf vielen Corona-Demos in mehreren Städten und die allermeisten Teilnehmer sind Leute aus der Mitte. Über die sollte man nicht den Stab des Denunziantentums brechen, sondern das Gespräch suchen. Und ich kritisiere, dass jetzt hier auch Banner mit den Impfaufrufen hängen, auf denen steht, dass Impfen demokratisch sei. Meines Erachtens gehört zur Demokratie auch Freiheit und Selbstbestimmung.

Was würden Sie den Teilnehmern der anderen Veranstaltung gerne sagen?

Dass die genauso das Recht haben, ihre Meinung zu sagen, wie wir. Das verstehe ich unter Demokratie. Und, dass sie nicht nur auf den Zug der Mainstream-Medien aufspringen sollten, sondern auch uns zuhören. Was die Berichterstattung angeht, kritisiere ich die öffentlich-rechtlichen Medien im Besonderen. Generell: Wenn wir uns nicht mehr zuhören, werden wir uns immer feindlicher gegenüberstehen - und das ist doch das Letzte, das wir alle wollen.

Würden Sie eine Freundschaft zerbrechen lassen, wenn jemand genau die entgegengesetzte Meinung hat zu Ihrer in Sachen Corona-Politik hat?

Das ist schon passiert. Nicht, dass ich eine Freundschaft gekündigt habe oder auf Konfrontation gegangen wäre, aber zu mir wurde der Kontakt abgebrochen - in allen Bereichen: Verwandtschaft, Kollegen, Freundeskreis.

Was sagen Sie Menschen, die behaupten, Bill Gates würde uns allen Chips implantieren?

Das ist Schwachsinn! Ich bin kein genereller Impfgegner, ich bin kein Corona-Leugner, aber, wie ich schon sagte, man sollte auch die anderen Fakten rund um die Impfstoffe herausstellen.

Was würden Sie Menschen sagen, die auf der Intensivstation arbeiten, wenn Sie könnten?

Ich würde ihnen danken und den Hut ziehen für all die, die solche Arbeit leisten. Und ich würde sagen, dass die allgemeinen Probleme im Gesundheitswesen im Zuge der Pandemie von der Politik instrumentalisiert werden. Ein Beispiel: Vor der Pandemie hatten wir in Deutschland rund 1900 Krankenhäuser. Nach Angaben der Leopoldina waren es im vergangenen Oktober noch 1600, also mitten in dieser Krise fehlen 300. Das ist das Problem. Die Politik sollte zudem den Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten, endlich so viel bezahlen, wie sie verdienen. Auch darüber wird nun seit zwei Jahren immer nur gesprochen.

Was glauben Sie, braucht unsere Gesellschaft im Moment am meisten?

Wir brauchen mehr offenen Diskurs. Es muss möglich sein, dass wir uns alle die Hände reichen. Geimpfte und Ungeimpfte.

 

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