0
Interview (Teil 2)
Coburg zieht an: Wie werden Familien angelockt?
Coburg
Für junge Familien soll Coburg immer attraktiver werden. Das wünscht sich der OB. // Rainer Brabec
Coburg
Die Lebensqualität in Coburg ist hoch. Viele junge Familien genießen die Nahe zur Natur und Kultur. // Stadt Coburg
Zukunftsraum Coburg: Nachhaltigkeit durch Bürgerbeteiligung
Mehr Raum für den „Green Deal Coburg 2030“: Nicht nur, dass Oberbürgermeister Dominik Sauerteig, seine Mitarbeiterin Eva Kollmann und Green Deal-Projektleiterin Karin Engelhardt (von links) seit kurzem im Steinweg 14 einen „Zukunftsraum“ zur Verfügung haben, in dem sie alles rund um die Themen Ökologie, Ökonomie und Soziales besprechen können. Mit dem Einstieg des Coburger Designforums Oberfranken (CDO) unter Geschäftsführerin Sylvia Endres (rechts) bekommt die gesamte Initiative den neuen Namen „Zukunftsraum. Gemeinsam für Coburg“ und eine größere Dimension. // Bettina Knauth
Coburg – Coburg lockt mit urbanem Flair und hoher Lebensqualität. Oberbürgermeister Dominik Sauerteig sagt im Interview, wie die Stadt junge Familien und Start-ups für sich gewinnen will.

Das Stadtbild trügt. Wer glaubt, nur noch alte Menschen, Silver-Ager durch die Stadt laufen oder im Restaurant sitzen zu sehen, muss wissen, dass die Bevölkerung in Coburg gegen den bundesweiten Trend nicht immer älter wird. „Coburg kann sich beim Faktor Alterung konstant halten“, heißt es im Regionalranking des Instituts der Deutschen Wirtschaft  (IW). Auch erlebt die Stadt eine Zuwanderung, besonders von jüngeren Menschen zwischen 20 und 50 Jahren.

Oberbürgermeister Dominik Sauerteig geht im zweiten Teil unseres Interviews zur Auswertung der Stärken-Schwäche-Analyse von Coburg auf die junge Generation ein.

Herr Oberbürgermeister, wie kann Coburg noch attraktiver gemacht werden, damit junge Menschen hierbleiben, junge Familien sich ansiedeln?

Dominik Sauerteig: Sie sagen selbst in ihrer Fragestellung, dass Coburg ein attraktiver Standort ist. Ganz grundsätzlich hat unsere Stadt eine sehr hohe Lebensqualität, wir sind in Bayern führend bei der Kinderbetreuung und verfügen über eine überproportional große Dichte an sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen.

Das Angebot in unseren vielen Sportvereinen braucht sich vor der Großstadt nicht zu verstecken. Und mit Samba, dem HUK-Open-Air und vielen anderen Veranstaltungen ist auch der Freizeitwert sehr hoch.

Berlin und München sind mit dem ICE in gut 2 Stunden erreichbar. Erfurt mittlerweile in gut 30 Minuten mit dem Zug. Damit sind wichtige Grundvoraussetzungen geschaffen, um auch für junge Familien attraktiv zu sein.

OB Sauerteig
Oberbürgermeister Dominik Sauerteig // Stadt Coburg
“

Mir erzählen regelmäßig Mütter und Väter meiner Generation, die nach Studium und ersten Berufsstationen in den Metropolen dieser Welt, wieder nach Coburg zurückkommen, dass die Lebensqualität bei uns sehr hoch ist. Und man hier Kinder sehr gut aufziehen und groß werden lassen kann. 

”
Dominik Sauerteig Oberbürgermeister der Stadt Coburg

Wie sieht es mit dem notwendigen Wohnraum dafür aus?

Für die Altersgruppe der 18- bis 28-Jährigen realisieren wir mit unserer Wohnbau moderne, attraktive Wohnformen. Ein Beispiel: das innovative Wohn-Projekt „Junges Wohnen“ in der Steinwegvorstadt, das im Zusammenhang mit den Planungen in der Heiligkreuzstraße 24/26 geplant und gedacht wird.

Im ehemaligen Gebäude der Wohnbau in der Heiligkreuzstraße in Coburg soll „Junges Wohnen“ entstehen.
Im ehemaligen Gebäude der Wohnbau in der Heiligkreuzstraße in Coburg soll „Junges Wohnen“ entstehen. // Entwurf: Wohnbau Stadt Coburg

Zielgruppe sind neben Studierenden auch Auszubildende und Young Professionals, die zukünftig ein auf sie zugeschnittenes und vor allem bezahlbares Wohnungsangebot vorfinden werden.

 Und auch was Neubaugebiete für Einfamilienhäuser betrifft, haben wir Weichen gestellt, um ein größeres Angebot für Familien vorhalten zu können. In der Vergangenheit hatten wir hier den Anschluss verpasst und viele junge Familien ins Umland verloren. 

Wie möchte die Stadt künftig Startups fördern und Gründer nach Coburg holen, nachdem sich die Zahl der Neugründungen seit 2014 mehr als halbiert hat?

Hier muss man zunächst unterscheiden, dass Neugründungen und Startups nicht immer das Gleiche sind. Startups sind natürlich in den meisten Fällen Neugründungen, oft mit einem jungen Team und einer innovativen Geschäftsidee und möglicherweise einem disruptiven Businessmodell.

Statistisch werden unter den Neugründungen allerdings sämtliche neu angemeldeten Unternehmen im Gewerberegister verstanden. Dazu gehören Filialen, strategische Gründungen, Nebenerwerb, Kleingewerbe, Gründungen ohne Geschäftsmodell usw. Dabei gab es Rückgänge, die vielleicht mit den multiplen Krisen dieser Welt zusammenhängen. Dazu gehört auch, so wie es IW Consult festgestellt hat, dass möglicherweise das Arbeitsplatzangebot in Coburg so gut ist, dass viele Kleingründungen gar nicht stattfinden.

Zu Startups lässt sich sagen, dass das genau die erwünschte Art der Gründungsform ist, die uns in Coburg weiterbringen wird. Dazu gehört ein entsprechendes Mindset, an dem die Stadt Coburg mit ihren vielen Partnern von Landkreis, IHK und Handwerkskammer, Hochschule und weiteren intensiv arbeitet. Daran kann man aber nicht nur arbeiten. So etwas muss man leben und den potenziellen Gründerinnen und Gründern zeigen, dass sie willkommen sind und unterstützt werden.

Mit Atmosphäre und Werbung ist es aber nicht getan, oder?

Es braucht dazu knallharte infrastrukturelle Angebote, die wir in Coburg mit der alten Kühlhalle, zukünftig der alten Schlachthalle, dem Nebengebäude 3 am ehemaligen Güterbahnhof und natürlich auch der alten Pakethalle vorhalten.

 

Die „Alte Kühlhalle“.
Die „Alte Kühlhalle“ ist schnell zu einem beliebten Veranstaltungsort geworden. // Jochen Berger

 

Hinzu kommt die Digitale Manufaktur in Rödental. Wir erhoffen uns davon eine stärkere Ansiedlung und Gründung von Startups, was zum Teil auch sehr gut funktioniert. Nehmen Sie beispielsweise das Nebengebäude 3, das aktuell komplett ausgelastet ist mit Unternehmen aus den Bereichen erneuerbare Energien, Industriedienstleistungen bis hin zu Biotechnologie. 

Bei der Kinderbetreuung nimmt Coburg bayernweit den Spitzenplatz ein. Aber: Überdurchschnittlich viele Schulabgänger können in Coburg keinen Abschluss vorweisen (nahezu 7 Prozent). Wo sehen Sie die Ursachen? Wie versucht die Stadt dem zu begegnen? 

Es ist leider traurige Realität, dass deutschlandweit Zehntausende junge Menschen jährlich die Schulzeit beenden ohne einen Hauptschulabschluss zu erreichen. Mit all den negativen Konsequenzen für das weitere Leben. Der prozentuale Anteil ist dabei seit mehr als zehn Jahren deutschlandweit konstant. In unserer Stadt sind wir da leider keine Ausnahme. Die Gründe für dieses Phänomen sind vielfältig und können nicht nur auf städtische oder schulische Faktoren zurückgeführt werden. Soziale, familiäre und persönliche Umstände spielen dabei auch eine Rolle.

Gibt es konkrete Maßnahmen, die helfen?

Die Stadt Coburg arbeitet eng mit Schulen, Wirtschaft, Kammern, sozialen Einrichtungen und Bildungsträgern zusammen, um gezielte Maßnahmen zur Unterstützung von Schülerinnen und Schülern anzubieten. Dazu gehört beispielsweise auch die Jugendberufsagentur in der Bildungsregion, diese hilft konkret, den Übergang von der Schule in den Beruf zu erleichtern. Gerade auch unsere Mitarbeitenden in der Jugendsozialarbeit an den verschiedenen Schulen sind präventiv tätig, um jungen Menschen neue Perspektiven zu eröffnen.

Und an den hohen Investitionssummen beispielsweise für die Interimsschule am Anger während der Sanierung der Rückert-Mittelschule sehen Sie, wie wichtig es uns ist, Lernen für alle Bevölkerungsschichten an möglichst idealen Lernorten zu ermöglichen. An den Gymnasien finanzieren wir auch die Bildung für Landkreiskinder – ohne ausreichende Unterstützung durch den Freistaat mit. Ein echter Kraftakt.

Die Rückertschule wurde während der Sanierungsphase in Container am Anger umgelagert.
Der Südflügel ist bereits fertig. Hier rechts im Bild ist der Nordflügel, dort finden noch vermehrt Arbeiten statt. // Julia Scholl

Wichtig ist es, bereits bei den Kleinsten zu beginnen. Daher fördern wir weiterhin den Ausbau sowie die Qualität der frühkindlichen Bildung und Betreuung. Somit wollen wir frühzeitig den Grundstein für eine erfolgreiche schulische Laufbahn legen. 

Mit diesen Maßnahmen verfolgen wir in unserer Familienstadt das Ziel, jedem Kind die bestmöglichen Chancen zu eröffnen. 

Fühlen Sie sich da vom Staat allein gelassen?

Zur Wahrheit gehört: Die Kommunen können nicht alles an gesamtgesellschaftlicher Fehlentwicklung und Fehlsteuerung durch Bund und Land reparieren. Notwendig sind hier vor allem ein gesamtstaatliches Umdenken und eine Ausrichtung des schulischen Lehrplans an die Herausforderungen der aktuellen Zeit. Und Initiative und Verantwortungsübernahme der Eltern. Denn bereits in jungen Jahren werden durch das Elternhaus die Weichen für die Zukunft der eigenen Kinder gestellt. Eltern haben hier eine große Verantwortung für die Zukunft ihrer Kinder. 

Lesen Sie dazu auch

Inhalt teilen
  • kopiert!