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Thorsten Glauber im Interview
Umweltminister: „Müssen Firmen wie Schaeffler unterstützen“
Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) besucht die Internationale Automobilausstellung IAA in München. Im Gespräch mit fraenkischertag.de spricht über seine Vision einer nachhaltigen Automobilwirtschaft.
Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) besucht die Internationale Automobilausstellung IAA in München. Im Gespräch mit fraenkischertag.de spricht über seine Vision einer nachhaltigen Automobilwirtschaft. // Foto: Abgeordnetenbüro Thorsten Glauber
Forchheim – Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber erklärt im Exklusivinterview, warum Autos seiner Meinung nach nie aus dem ländlichen Raum verschwinden werden und wieso er nichts vom Verbrenner-Verbot hält.

Auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA), die derzeit in München stattfindet, trifft sich die weltweite Elite der Automobilwirtschaft mit Spitzenpolitikern rund um den Globus. Mit dabei: Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) aus dem Landkreis Forchheim.

Im Gespräch mit fraenkischertag.de spricht er darüber, warum Autos seiner Meinung nach nie aus dem ländlichen Raum verschwinden werden und warum ein Deutschlandticket allein nicht die Antwort für alle sein könne, die mobil sein wollen.

Thorsten Glauber, Bayerischer Staatsminister für Umwelt- und Verbraucherschutz, im Interview

Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler)
Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) // Foto: Abgeordnetenbüro Thorsten Glauber

Herr Glauber: „Es ist richtig und wichtig, dass wir auf das Automobil und die Mobilität der Zukunft setzen“, sagten sie anlässlich der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in München. Sie sind Staatsminister für Umwelt- und Verbraucherschutz – schlagen bei diesem Thema zwei Herzen in Ihrer Brust?

Thorsten Glauber: Bei mir schlägt ein Herz ganz stark, das mit meinem gelernten Beruf des Elektrikers zu tun hat. Wenn man die Energiewende hin zum Klimaschutz schaffen möchte, dann wird sich die Mobilität verändern müssen. Technologien muss man anhand ihres Wirkungsgrades bewerten. Also danach, wie effizient ein Gerät, eine Anlage oder ein Prozess Energie umwandelt. Die Deutschen können herausragende Verbrennungsmotoren bauen, ein guter Benziner schafft einen Wirkungsgrad von rund 37 Prozent, ein guter Diesel rund 45 Prozent. Zum Vergleich: Elektro-Autos schaffen im Gesamtpaket bereits rund 70 Prozent.

Klingt nach einem Plädoyer für das E-Auto?

Ja, ich fahre seit 2013 aus Überzeugung elektrisch. Wir haben die Treibstoffe für die Verbrennermotoren gar nicht in Deutschland, Benzin und Diesel müssen wir importieren. Strom können wir ein gutes Stück weit selbst produzieren. Deshalb müssen wir diese Technologie voranbringen. Von der Transformation hin zur Elektromobilität hängen zudem viele Arbeitsplätze ab; in ganz Deutschland und im Landkreis Forchheim. Als Umweltminister stehe ich klar hinter der individuellen Mobilität, die das Auto bietet und der damit verbundenen Technologien. Wir dürfen uns dabei technologisch nicht beschränken.

Sondern?

Wir brauchen den klaren Weg hin zu Kraftstoffen, die CO₂- und klimaneutral sind. Verbrenner wird es weiterhin geben, daher müssen wir beispielsweise die Entwicklung von E-Fuels vorantreiben. China und andere Wirtschaftsnationen belächeln Europa, wenn wir weiterhin über das richtige Antriebskonzept debattieren.

Also finden Sie es gut, dass das europaweit geplante Verbrenner-Aus ab dem Jahr 2035 wackelt? 

In Bayern hängen 200.000 Arbeitsplätze an der Automobilwirtschaft, wir haben etwa 1100 Zulieferer im Freistaat; ein Drittel der bayerischen Industrie-Wirtschaftsleistung kommt aus dem Sektor Automobil. Ich halte eine politische Vorgabe der Europäischen Union für falsch. Außer Europa tut das niemand in der Welt. Am Ende entscheiden die Kunden, welches Auto sie kaufen. Das sollte nicht die Politik tun.

Aber haben die Kunden wirklich eine echte Wahl?

Als ich 2018 Umweltminister wurde, gab es in Forchheim noch keinen Schnelllader (Hypercharger). Heute gibt es rund 50 im Stadtgebiet. Es gibt dort also kein Problem mehr mit der Ladeinfrastruktur. Zugegeben, in den ländlich geprägten Kommunen sieht das häufig noch anders aus. Doch Bayern ist Spitzenreiter beim Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge und wir treiben diesen kontinuierlich voran.

Dennoch ist ein Boom nicht zu erkennen, die Neuzulassungen für E-Autos sinken deutschlandweit sogar…

Es war ein Fehler der Ampelregierung, die Förderung für E-Autos zu streichen. Leider sind diese zu oft zu teuer. Auch die permanente Debatte um das richtige Antriebskonzept hat der E-Mobilität nicht genutzt. Ich glaube, dass uns auch die Debatten um „das böse Auto an sich“ schaden.

Wie meinen Sie das?

Ich habe Automobilausstellungen in den vergangenen Jahren erlebt, auf denen sich die Politiker nicht einmal mehr trauten, das Wort „Auto“ in den Mund zu nehmen. Sie stellten sich nicht mehr hinter diese Form der Mobilität. Vor allem im ländlichen Raum bedeutet das Auto Freiheit. In einem Flächenland wie Bayern wird es meiner Meinung nach nie möglich sein, dass Busse und Bahnen derart getaktet in jedes Dorf fahren, dass wir keine Autos mehr benötigen. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, dass das Elektroauto für alle bezahlbar wird. Darin liegt die zentrale Ursache für die stockende E-Wende.

Wie bekommen wir bezahlbare E-Autos auf den Markt? Beispielsweise Chinas Subventionsstrategie dürfte kaum als Vorbild dienen. 

China fördert in hohem Maß mit dem Ziel, die europäische Wirtschaft zum Erliegen zu bringen. Je nach Jahr exportieren wir aus Bayern um die 75 Prozent unserer Autos in den Weltmarkt. Wir werden das nur weiterhin schaffen, wenn wir unsere Wertschöpfungsketten stärken, unser Know-how ausbauen und bayerische Ingenieur- und Entwicklungsleistung forcieren. Dass Potenzial dafür vorhanden ist, zeigen aktuell die vielen Neuheiten auf der IAA. Wir als Staatsregierung stehen hinter dem Automobilsektor und werden alles tun, um ihn zu stärken.

Die Pkw-Dichte nimmt bundesweit zu, Bayern gehört mit 635 Pkw pro 1000 Einwohner zur Spitzengruppe. Auch die Neuzulassungen liegen deutschlandweit auf einem Höchststand. Gleichzeitig gibt es brüchige Schienennetze, stockende Taktverdichtungen im ÖPNV und marode Radwege: Von einer Mobilitätswende kann hierzulande kaum die Rede sein: Warum machen wir uns den Umstieg weg vom Auto selbst so schwer?

Ich glaube nicht, dass wir es uns schwer machen. Die Menschen greifen zu dem Fortbewegungsmittel, das sie überallhin bringt. Wenn Bus und Bahn nicht fahren, dann ist es das Rad oder das Auto. Parallel dazu bauen wir den ÖPNV in der Region aus: Gerade der viergleisige Bahnausbau im Landkreis bietet den Bürgerinnen und Bürgern komplett neue Mobilitätsangebote. Auch die Bahnstrecke nach Ebermannstadt und die Gräfenbergbahn müssen weiterhin gestärkt werden.

Aber noch einmal: Eine richtige Wahl haben die Menschen im ländlichen Raum gar nicht. Eben weil der ÖPNV nicht ausreicht.

Schauen Sie sich die Busse auf dem Land an. Da fahren je nach Tageszeit und Region im Landkreis 50-Sitzer fast leer durch die Dörfer. Klimafreundlich ist das sicherlich nicht. Und gerade im Landkreis Forchheim ist das Takt-Angebot eigentlich sogar vergleichsweise gut. Unsere Aufgabe wird es sein, noch passgenauere Konzepte für alle Altersklassen zu entwickeln. Ein Beispiel dafür ist der Rufbus.

Machen wir es uns nicht manchmal trotzdem zu einfach, den ÖPNV als nicht ausreichend abzustempeln und die größte Energie weiterhin für den Autoverkehr zu verwenden, anstatt alles für eine saubere Mobilitätswende zu tun?

Wir müssen beides tun. Wir bezahlen ein Deutschlandticket, mit dem die Bürger kostengünstig Bahn und Bus fahren können. Das halte ich für richtig. Für Kunden in und um gut angebundene Städte ist das lukrativ.  Im ländlichen Raum wie etwa der Fränkischen Schweiz allerdings zahlen die Menschen Mobilitätsangebote für die Metropolen mit. Das muss klar sein. Ich bin dafür, solche Angebote weiterhin vorzuhalten; gleichzeitig dürfen wir den Menschen auf dem Land aber nicht erzählen, dass die Nutzung des eigenen Autos umweltschädlich ist.

Blieben noch alternative Initiativen wie Carsharing oder Ähnliches.

Auch das wird angeboten. Es gibt Carsharing-Modelle im Landkreis, die funktionieren auch in Teilen. Aber das eigene Auto im ländlichen Raum wird meiner festen Überzeugung nach bleiben. Die Fragen lauten: Ist es bezahlbar und technologisch für die Zukunft gerüstet?

Und wie rüsten wir sie?

Zum Beispiel, indem wir universitäre Einrichtungen stärken, Forschung vorantreiben, Batterieentwicklung endlich wieder stärken. Bei meinem Besuch auf der IAA ist ein Stimmungswandel spürbar. Das ist wichtig für den Automobilstandort Bayern, für den Landkreis Forchheim und die gesamte Region.

Weil auch bei uns viele Firmen an der Automobilwirtschaft hängen?

Ja, genau. Wie das Unternehmen Waasner in Forchheim, Geiger in Pretzfeld, CNC Hofmann in Gräfenberg, Schaeffler in Herzogenaurach, Bosch und Brose in Bamberg, um nur einige zu nennen. Wir müssen all diese Firmen und ihre Tausenden Mitarbeiter unterstützen, weiterhin im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Wenn die Automobilwirtschaft nicht einen derart großen Wert vor allem für unsere Wirtschaft und Arbeitsplätze hätte, wären wir dann in der für den Klima- und Umweltschutz so wichtigen Mobilitätswende vielleicht schon viel weiter?

Die Zukunft kann für ein Autoland Deutschland nicht heißen, denen beim Autoverkaufen zuzuschauen, die es technisch schlechter machen als wir. Wir haben die Kompetenz und das Know-how, um die Welt damit ein Stück besser zu machen. Technischer Fortschritt hilft dem Klima- und Umweltschutz; diesen technischen Fortschritt nicht aus Deutschland heraus zu gestalten, wäre sträflich.

Die Zukunft wird elektrisch sein. Das Auto wird durch bidirektionales Laden zum rollenden Speicher. In dieser Technologie müssen wir weiter vorankommen, das haben die deutschen Autobauer verstanden. Wichtig ist, dass der ökologische Fußabdruck eines Autos insgesamt vertretbar ist. Der ist beim E-Auto noch ausbaufähig – verbessert sich aber von Tag zu Tag.

Bei allen technischen Neuerungen; moderne Autos werden größer und nehmen immer mehr Platz im Raum ein. Inwieweit ist das mit Stichworten wie Hitzeschutz und Flächenversiegelung vereinbar?

Die Kunden entscheiden, dass mehr Autos zugelassen werden, weil sie mobil sein wollen. Ich will den Menschen nicht vorschreiben, wie sie mobil sein sollen.

Herr Glauber, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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