Richard Fischer hat keine Angst vor dem Winter. Sein Haus wird mollig warm sein. Vermutlich wie das aller Bundesbürger. Vermutlich – nicht sicher. Fischer und ein Großteil der Willersdorfer hingegen blicken entspannt auf die kommenden Monate.
Denn ihre Wärmeversorgung ist gesichert. Und das haben sie sich selbst zu verdanken.
Richard Fischer: „Klimawandel entgegentreten“
„Wir müssen dem Klimawandel entgegentreten. Die Politik alleine wird es nicht schaffen“, sagt Richard Fischer.
Bioenergiedorf - Willersdorf
Der 60-Jährige war Ideengeber und einer der Mitbegründer des Bioenergiedorfes Willersdorf. Die Idee ist simpel: Der hiesige Landwirt Paul Weber produziert mittels einer mit Mais und Kuhmist gefütterten Biogasanlage Strom. Die dabei anfallende Abwärme nutzen die findigen Willersdorfer, um ein lokales Nahwärmenetz zu installieren.
Genossenschaft sichert Bioenergiedorf ab
Fischer und seine Mitstreiter holen die Leute ins Boot, kalkulieren, tüfteln. Dann geht es schnell. 2012 gründen sie die Genossenschaft, im Januar 2013 fließt die erste Wärme. Dank der genossenschaftlichen Struktur bleibt die Anlage in den Händen der Menschen vor Ort.
99 Haushalte am Nahwärmenetz
„Mittlerweile sind 99 Haushalte an unser Netz angeschlossen“, sagt Fischer. Fast 2,8 Millionen Kilowattstunden Wärme sind alleine im vergangenen Jahr angefallen.
Die Abnehmer sind hauptsächlich Privathaushalte, aber zum Beispiel auch der Landgasthof Rittmayer, die Grundschule und die Kita profitieren von der nachhaltiger erzeugten und vor allem billigeren Wärmequelle.
250.000 Liter Heizöl pro Jahr gespart
Weil die meisten Bürger in der Gemeinde vorher mit Öl heizten, spart die Gemeinschaft mindestens 250.000 Liter Heizöl ein. Pro Jahr.
„Die Energiegewinnung aus Biomasse ist weitgehend klimaneutral, weil bei der energetischen Umwandlung nur das CO2 frei wird, das nachwachsende Pflanzen zeitnah in ähnlicher Menge binden“, erklärt Andreas Schütte, Geschäftsführer der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR).
Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe: „Überdurchschnittliches Engagement“
Zudem widmeten sich Dorfgemeinschaften, die solche Projekte stemmten, überdurchschnittlich stark dem Ausbau weiterer erneuerbarer Energien, so Schütte.
Nahwärmenetz Willersdorf: Auch viel Photovoltaik
Auch das trifft auf Willersdorf zu. Die Einwohner schaffen es mit ihrem Nahwärmenetz nicht nur, rund Dreiviertel des gesamten Bedarfs an Wärme selbst zu produzieren.
Durch überdurchschnittlich viele private PV-Anlagen sowie ein Wasserkraftwerk (Mühle an der Aisch) produzieren sie auch noch die fünffache Menge ihres eigentlichen Strombedarfs.
Warum nicht mehr Bioenergiedörfer?
Warum aber gibt es nicht viel mehr solcher Bioenergiedörfer? „Es macht viel Arbeit und ist vor allem zu Beginn auch ein Risiko“, sagt Richard Fischer. Bevor die Genossenschaft gemeinschaftlich eintrat, hafteten er und seine Vorstandskollegen Ralf Runge sowie Joachim Schumann persönlich für die Investitionen.
Projekt war auch risikobehaftet
Immerhin schon zu Beginn ein hoher sechsstelliger Betrag. Insgesamt haben sich die Kosten bisher auf knapp 1,6 Millionen Euro summiert. „Wir haben das Risiko damals in Kauf genommen, weil wir wussten, dass es funktioniert.“
Trotz einiger technischer Anfangsschwierigkeiten, trotzdem sie viel selbst anpacken mussten, um Kosten zu sparen.
Eigeninitiative der Bürger unabdingbar
Wenngleich einige umliegenden Gemeinden schon ihre Ohren spitzten; ohne beinahe bedingungsloses Engagement aus der Bürgerschaft wird es wohl kein neues „Bioenergiedorf“ geben.
Ukraine-Krieg: Mehr wollen Sicherheit
Zumal durch den Ukrainekrieg zwar immer mehr Menschen angeschlossen werden wollen. Aber gleichzeitig nimmt die Diskussion wieder Fahrt auf, wie sinnvoll es sei, Pflanzen zur Energiegewinnung zu benutzen, wenn es gleichzeitig zu weltweiten Lebensmittelengpässen komme, sagt Andreas Schütte von der FNR. Dies erschwere die Akzeptanz neuer Biogasanlagen.
Lisa Badum: "Mehr Biogasanlagen"
Forchheims Bundestagsabgeordnete der Grünen, Lisa Badum, zugleich Obfrau des Ausschuss für Klimaschutz und Energie im Bundestag, sagt auf FT-Anfrage: "Es ist wichtig dass wir die Bioenergie-Kapazitäten versuchen zu halten, immerhin übersteigt die installierte Leistung der deutschen Biogasanlagen aktuell die von Windkraft auf See."
Als regelbare Energie brauchten wir Bioenergie gerade in Zeiten des Gaskriegs, sagt sie. "Viele Bioenergieanlagen stellen auch Wärme bereit, nicht Alle können zukünftig in das Erdgasnetz einspeisen. Kurzfristig muss die Leistung der Anlagen erhöht werden. Wir brauchen jeweils vor Ort angepasste Lösungen, das gilt auch für die Anlagen in unserer Region. Mancherorts können vielleicht andere Energiepflanzen als Mais genutzt und die Anlagen umgerüstet werden."
Energiewende in Willersdorf: Wie geht’s weiter?
Wie geht es in Willersdorf weiter? „Wir sind an unserer Kapazitätsgrenze angelangt“, sagt Fischer. Der Anschluss einiger weniger Haushalte sei bereits eingeplant, dann ist Ende. Und doch denkt Energiewenden-Enthusiast Fischer weiter, brütet darüber, wie die Anlage noch verbessert werden könnte.
Eigenes Windrad für Willersdorf?
Noch geht die Wärme im Sommer verloren, wenn sie nicht von den Haushalten abgerufen wird. Hierfür würde er am liebsten gleich eine Lösung präsentieren. Auch ein eigenes Windrad könne er sich vorstellen.
Alles Zukunftsmusik. Richard Fischer: „Aber wenn wir die Energiewende nicht ernsthaft angehen, und zwar alle, dann wird die Zukunft düster aussehen.“
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