Beim Wort „Oldtimer“ denken Viele an kleine Autos wie die BMW Isetta, den Fiat 500 oder die Ente von Citroën. Der Oldtimer von Andreas Opitz, der in Forchheim ein Busunternehmen leitet, ist dagegen schon allein von seinen Abmessungen her etwas Außergewöhnliches: Sein Mercedes-Benz O307 ist fast 12 Meter lang. Aber nicht nur deswegen ist das betagte Fahrzeug überall dort, wo es auftaucht, ein Hingucker. Denn auch seine Lackierung in weithin leuchtendem Postgelb und reizvolle Details machen den Linienbus aus dem Baujahr 1980 zu einer Ausnahmeerscheinung auf den Straßen.
Zunächst in Straubing stationiert, dann in Regensburg
Dazu gehört zum Beispiel der metallene Briefkastenschlitz an der vorderen Einstiegstür, der bis heute Zeugnis davon ablegt, dass der gelbe Bus einstmals in den Diensten der Deutschen Bundespost unterwegs war. Die Ära der Postbusse in Deutschland endete Mitte der 1980er-Jahre. Bis dahin war es üblich, dass die Post nicht nur Personen von einem Dorf zum nächsten zur Arbeit, zum Einkaufen oder zur Schule beförderte. Wenn der Bus etwa in einem Ort ohne Briefkasten hielt, konnten die Leute so auch ihre Briefe zur Weiterbeförderung aufgeben.
An wie vielen Stationen der alte Postbus schon gehalten hat, lässt sich wohl nicht mehr feststellen. Sicher ist allerdings, dass er zunächst zum Fuhrpark des Postamts Straubing in Niederbayern gehörte und später, als Mitte der 1980er-Jahre die Deutsche Bundesbahn die Linienbusse der Bundespost übernahm, zur Bundesbahn wechselte. Im Jahr 1990 wiederum erwarb der „Bundesverband unabhängiger Postbusfahrer“ aus Regensburg den damals gerade einmal 10 Jahre alten Wagen und bewahrte ihn für die nächsten Jahrzehnte in einem privaten Postmuseum auf.
Der Postmuseumsfuhrpark wurde ab 2018 aufgelöst
Dass er infolgedessen meistens trocken stand und allenfalls gelegentlich für Sonderfahrten eingesetzt worden ist, darf als absoluter Glücksfall gelten. Denn normalerweise wurden ausgemusterte Bahn- und Postbusse oft von privaten Busunternehmern aufgekauft und im harten Alltag des Linienverkehrs aufgebraucht. Die Museumsfahrzeuge des Bundesverbands unabhängiger Postbusfahrer wurden erst ab 2018 sukzessive verkauft – und Andreas Opitz aus Forchheim sicherte sich den O307 mit dem Briefschlitz in der Vordertür.
Und wie kommt man dazu, sich ausgerechnet einen alten Postbus als Oldtimer zuzulegen? „Weil ich schon immer so ein Fahrzeug haben wollte“, meint Opitz: „Ich bin damals mit solchen Bussen in die Schule gefahren. Und ich habe diese Form schon immer gemocht, weil die einfach schön ist.“ Mit diesen Kindheitserinnerungen ist Andreas Opitz sicher nicht allein. Denn die Form des Mercedes-Benz O307 war in den 1970er- und 1980er-Jahren allgegenwärtig in Deutschland, was nicht nur daran lag, dass die Marke Mercedes-Benz damals gut im Geschäft mit Linienbussen war.
Standardisierte Modelle auf dem deutschen Linienbusmarkt
Damals produzierten nämlich mehrere deutsche Bushersteller vereinheitlichte Busmodelle nach Vorgaben des Verbands Öffentlicher Verkehrsbetriebe (VÖV). Bei den sogenannten Standardbussen der ersten Generation waren viele Teile identisch, zum Beispiel die Seitenscheiben. Dadurch sollten bei den Verkehrsunternehmen Ersatzteilvorhaltung und Reparaturen vereinfacht werden. Auch der Fahrerplatz war standardisiert, so dass das Fahrpersonal leichter zwischen verschiedenen Fabrikaten wechseln konnte.
Im Ergebnis sahen die in dieser Ära gebauten Linienbusse von Mercedes-Benz und MAN sowie von den inzwischen nicht mehr existierenden Marken Magirus-Deutz und Büssing fast gleich aus. Und so kommt es, dass die Form der Standardbusse der ersten Generation Millionen von Menschen auch Jahrzehnte später noch gut im Gedächtnis geblieben ist. Bis heute sind allerdings nur einzelne Exemplare erhalten geblieben. Und laut Andreas Opitz handelt es sich bei seinem O307 inzwischen sogar um ein Unikat: „Das ist der einzige Postbus in Deutschland, der noch den originalen Briefkastenschlitz hat.“
Die Fahrt fühlt sich an wie Schweben über Wolken
Opitz schätzt an seinem Oldtimer nicht nur die Gestaltung, sondern auch die robuste, einfache Technik: „Der ist sehr reparaturfreundlich gebaut. Du siehst direkt, wie alles funktioniert, und Du kommst an alles gut hin. Da ist nicht alles so verbaut wie bei den heutigen Bussen.“ Viel kaputt gehen könne nicht, so Opitz weiter, weil es an Bord keine Elektronik und keine Sensoren gibt, die in der Folge dann auch keine nervigen Fehlermeldungen produzieren können.
Die Versorgung mit Ersatzteilen, wenn man mal welche braucht, ist offenbar gut, obwohl das Herstellungsjahr des Busses nun schon 44 Jahre zurück liegt: „Da bekommt man noch alles direkt von Mercedes-Benz. Das hätte ich auch nicht erwartet“, erklärt Opitz.
An Bord des Oldtimers fühlt man sich ein bisschen so, als würde man über Wolken schweben: Der Dieselmotor mit 240 PS schnurrt leise im Heck vor sich hin, draußen zieht gemütlich die Landschaft vorbei und die Luftfederung macht das Mitfahren im O307 zu einem ausgesprochen komfortablen Erlebnis. Auch wenn die 50 Sitzplätze eher hart gepolstert sind, wie das für Linienbusse der damaligen Zeit üblich war.
Ab und zu noch als Schulbus unterwegs
Eingesetzt wird der gelbe Postbus heute nur noch für besondere Anlässe, etwa für Hochzeiten, Betriebsausflüge oder Geburtstagsfeiern. War es früher Alltag, in einem Mercedes-Benz O307 zu sitzen, so ist es heute ein Event, das man bei Andreas Opitz buchen kann. Mitunter kommen aber auch die Inhaber eines ganz normalen Linientickets noch zu diesem Vergnügen: „Wenn das Wetter passt, fahre ich ab und zu auch mal eine Schul-Linie mit dem Oldtimer. Da sind die Kinder immer ganz begeistert.“
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