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Historische Raritäten
Michael Finzel hütet 600 Bierkrüge und dicke Überraschungen
Der Krug, auf den Michael Finzel zeigt, stammt aus einer Fehlproduktion mit falscher Eichung. Er fasst 1,1 Liter, weswegen diese Krüge schnell aus dem Verkehr gezogen worden sind.
Der Krug, auf den Michael Finzel zeigt, stammt aus einer Fehlproduktion mit falscher Eichung. Er fasst 1,1 Liter, weswegen diese Krüge schnell aus dem Verkehr gezogen worden sind. // Martin Regner
Der Finzel und der "Pinsl": An dem Krug mit dem Konterfei seines alten Freunds Erhard Königsreuther hängt Michael Finzel besonders.
Der Finzel und der "Pinsl": An dem Krug mit dem Konterfei seines alten Freunds Erhard Königsreuther hängt Michael Finzel besonders. // Martin Regner
Erlangen – Bierkrüge aus Erlangen machen Michael Finzel glücklich. In einem „Geheimgang“ unter seinem Haus hütet er rund 600 Stück. Darunter besondere Exemplare, hinter denen eine emotionale Geschichte steckt.

Der Artikel im Überblick: 

1: Warum der bierige Geheimgang vom Haus zur Garage entstand

2: Die Sammlung mit allen Krügen vom Entlas-Keller, die es je gab

3: Das Erinnerungsstück an den Künstler Erhard „Pinsl“ Königsreuther

4: Der Bergkirchweih-Krug, in den versehentlich 1,1 Liter passten

5: Krüge aus Wiesenfelden und Forchheim als Stück Erlanger Geschichte

6: Relikte der Erlanger Brauereien bei der Arbeit auf dem Friedhof gefunden

7: Re-Design kurz vor dem Aus: Wie das neue Kitzmann-Bier ausgesehen hätte

8: Warum der Bierkrugsammler nie selbst einen Bierkrug benutzt

Warum der bierige Geheimgang vom Haus zur Garage entstand

An seinen allerersten Krug kam Finzel, der im Erlanger Nordosten wohnt, durch einen Zufall, wie er im Gespräch mit dem Fränkischen Tag verrät: „Ich war auf einem Flohmarkt und dort habe ich einen größeren Posten Bergkirchweih-Jahreskrüge der Brauerei Kitzmann kaufen können.“ Die Flohmarkt-Errungenschaften „habe ich dann erst mal daheim oben auf den Schrank gestellt.“

Die Bierkrugsammlung von Michael Finzel zeigt einen breiten Querschnitt der Erlanger Bierkultur.
Die Bierkrugsammlung von Michael Finzel zeigt einen breiten Querschnitt der Erlanger Bierkultur. // Martin Regner

Diese Begebenheit ist jetzt rund 30 Jahre her – und seitdem konnte Michael Finzel bei Erlanger Bierkrügen einfach nicht mehr Nein sagen. Vor rund 15 Jahren baute die Familie Finzel dann einen unterirdischen Gang vom Keller des Hauses hinüber zur Garage. Als dieser fertig war, zog die damals schon auf eine beträchtliche Größe angewachsene Bierkrugsammlung dorthin um.

Die Sammlung mit allen Krügen vom Entlas-Keller, die es je gab

Den Grund für den Umzug der Sammlung in den Untergrund erklärt Finzel mit einem Lachen: „Meine Frau hatte mich mit den Bierkrügen aus der Wohnung verbannt.“ Auf selbstgezimmerten Regalen stehen sie nun also im „Geheimgang“ im Keller: Finzels Schätze aus Steingut, die Zeugnis ablegen von der einstigen Erlanger Biervielfalt. Er besitzt nach eigenen Angaben zum Beispiel Krüge aller 17 Brauereien, die es einst in Erlangen gegeben hat. Bei der größten und heute noch bekanntesten Erlanger Biermarke ist Finzels Krugsammlung fast komplett: „Es gibt fast keinen Kitzmann-Krug, den ich nicht habe.“  

Zeitlich reichen die über die Jahrzehnte zusammengetragenen Exponate zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. „Ganz besonders hängt mein Herz an der Erlanger Bergkirchweih“, sagt Finzel. Dementsprechend begeistert ist er von den zur Bergkirchweih jährlich neu aufgelegten Bierkrügen der Erlanger Bierkeller. „Die Krüge vom Entlas-Keller habe ich alle. Mit dem Friedrich Engelhardt bin ich befreundet und der stellt mir jedes Jahr ein Exemplar von seinem neuen Krug weg.“

Das Erinnerungsstück an den Künstler Erhard „Pinsl“ Königsreuther

Der vielleicht wichtigste Krug aus Finzels Sammlung zeigt ein Porträt des „Pinsl“ mit Königsgewand und Krone. Es ist ein Erinnerungsstück an ein Erlanger Original, das bürgerlich Erhard Königsreuther hieß und der „Pinsl“ genannt wurde. Der Kunstmaler und selbsternannte „Bergkönig“ war ein persönlicher Freund von Michael Finzel „und das hat sich halt immer so schön gereimt: der Finzel und der Pinsl“. Erhard Königsreuther starb im Jahr 2009 und zum Gedenken an ihn wurde vom Erich- und vom Hübner-Keller der besagte Bierkrug mit seinem Konterfei aufgelegt.

Der Erinnerungskrug an seinen persönlichen Freund Erhard Königsreuther, genannt der "Pinsl", gehört zu den wichtigsten Stücken in der Sammlung von Michael Finzel.
Der Erinnerungskrug an seinen persönlichen Freund Erhard Königsreuther, genannt der "Pinsl", gehört zu den wichtigsten Stücken in der Sammlung von Michael Finzel. // Martin Regner

Der „Pinsl“ gehörte zu Lebzeiten untrennbar zum Festgeschehen auf der Erlanger Bergkirchweih. „Der war halt immer bsuffn“, erinnert sich Finzel an seinen alten Freund. Und immer, wenn ihm das Geld ausgegangen sei, habe Königsreuther schnell eines seiner Bilder verkauft, und dann sei er wieder zum Feiern auf den „Berg“ gegangen. Der Krug mit seinem Konterfei ist heute ein seltenes Sammlerstück. 

Der Bergkirchweih-Krug, in den versehentlich 1,1 Liter passten

Ein weiteres ganz besonderes Exemplar steht nicht weit davon entfernt in Michael Finzels Regal. Dabei handelt es sich um einen Motivkrug eines Erlanger Bierkellers zur Bergkirchweih aus dem Jahre 1995, der aus Versehen auf 1,1 Liter geeicht worden ist. An dessen Eichstrich steht zwar wie üblich „1 Liter“, faktisch gingen in diesen Krug aber 1,1 Liter hinein, wie Finzel erklärt. Als der betroffene Kellerwirt das Missgeschick wenige Tage vor dem Auftakt zur Bergkirchweih bemerkt habe, seien in aller Eile und „quasi über Nacht“ neue, korrekt geeichte Krüge hergestellt und die falsch geeichten Exemplare schnellstmöglich aus dem Verkehr gezogen worden.

Denn sonst hätte man ja mit jeder zehnten Maß in Summe einen Liter Bier verschenkt und das wäre bei den Mengen, die bei der Bergkirchweih über den Schanktresen gehen, arg ins Geld gegangen, so Finzel. Einen Krug aus der Fehlproduktion konnte Finzel allerdings vor der Aus-dem-Verkehr-Ziehung retten. Heute steht er einträchtig neben einem Exemplar der schnell nachgefertigten Serie des Jahreskrugs mit der korrekten Eichung.

Krüge aus Wiesenfelden und Forchheim als Stück Erlanger Geschichte

Und dann gibt es noch ein Regal im „Geheimgang“, das auf den ersten Blick nicht ganz ins Bild passt. Denn nach eigenen Angaben interessiert sich Michael Finzel nur für Erlanger Krüge, alles andere ist für ihn „uninteressant“. Aber in dem besagten Regal stehen Trinkgefäße etwa von der „Klosterbrauerei Wiesenfelden“, die bis 1977 im Raum Straubing existierte, oder von der Anfang der 1980er-Jahre geschlossenen „Schindlerbräu Forchheim“.

Passen nur auf den ersten Blick nichts ins Bild: Bierkrüge von auswärtigen Brauereien wie etwa der Schlossbrauerei Wiesenfelden oder der Forchheimer Schindlerbräu.
Passen nur auf den ersten Blick nichts ins Bild: Bierkrüge von auswärtigen Brauereien wie etwa der Schlossbrauerei Wiesenfelden oder der Forchheimer Schindlerbräu. // Martin Regner

Doch auch diese Krüge sind ein Stück Erlanger Geschichte, wie Finzel erklärt. Denn teilweise hätten die Erlanger Brauereien und Kellerwirte in früheren Zeiten, in denen man die Bedeutung eines einheitlichen Marketings noch nicht so hoch eingeschätzt hatte wie heute, die Krüge von aufgegebenen Brauereien günstig aufgekauft und dann noch eine Weile selbst zum Ausschank verwendet. „Die waren alle in Erlangen im Umlauf“, so Finzel.

Relikte der Erlanger Brauereien bei der Arbeit auf dem Friedhof gefunden

Über die vielen verschiedenartigen Krüge hinaus fand auch manches andere Stück Erlanger Biergeschichte seinen Weg in Finzels Kellergang: „Ich war 20 Jahre lang Totengräber auf dem Altstädter Friedhof. Und der neue Teil des Altstädter Friedhofs ist früher mal eine Mülldeponie gewesen. Die Brauereien haben früher ihre alten Glasflaschen da reingekippt.“ Und so begab es sich, dass Finzel bei der Arbeit immer mal wieder auf Überreste von der einstigen Müllkippe stieß.

Zum Beispiel auf historische Bügelflaschen mit Erlanger Aufdruck oder auf deren Porzellankappen mit dem jeweiligen Brauereiwappen. So gelangte etwa eine grüne Bügelflasche der „Erlanger Weißbierbrauerei“ in die Sammlung. Eine richtige Rarität, denn „von der Brauerei gibt es scheinbar fast gar nix mehr.“ Die Vorderfronten der aus alten Holzbalken selbstgebauten Regalböden für die Krüge und Flaschen werden von unzähligen Zapfhähnen geziert.

Rund 300 Zapfhähne gehören ebenfalls zur Sammlung - laut Michael Finzel sind sie alle verschieden.
Rund 300 Zapfhähne gehören ebenfalls zur Sammlung - laut Michael Finzel sind sie alle verschieden. // Martin Regner

Und auch dazu gibt es eine Geschichte: „Die sind mir mal in die Hände gefallen. Inzwischen sind das rund 300 Stück, überwiegend aus Messing. Und in den verschiedensten Formen: Ich habe noch keine zwei gleichen entdeckt.“ Nachdem ihm die Vorderseite der als Bierkrug-Regalböden dienenden Holzbalken nicht gefallen habe, habe er zur Zierde kurzerhand die alten Zapfhähne daran angebracht, so Finzel.

Re-Design kurz vor dem Aus: Wie das neue Kitzmann-Bier ausgesehen hätte

An ein Konvolut historischer Fassbohrer kam er nach dem Anruf eines Kumpels, der die Werkzeuge auf einem Trödelmarkt entdeckt hatte. Damit wurden von den Brauereien früher die konischen Spundlöcher in die Holzfässer gebohrt, wie Finzel erklärt: „Sowas zu bekommen, das ist wie ein Sechser im Lotto.“ Darüber hinaus bereichern auch einzelne Leuchtschilder von Wirtshaustresen, Pilsgläser mit 0,33 Litern Fassungsvermögen, bunte Bierfilze, Bierkisten aus Holz und Kunststoff, gläserne Aschenbecher mit Brauerei-Logo oder handgeschriebene Bergkirchweih-Postkarten die Sammlung.

Auf einem Bord stehen aufgereiht braune Kronkorkenflaschen der 2018 geschlossenen Brauerei Kitzmann, die einen Querschnitt der von der Brauerei über die Jahrzehnte verwendeten Etiketten zeigen. An zwei Flaschen für die Biersorten „Wintergold“ und „Naturradler“ bleibt der Blick besonders hängen: Sie tragen die neuen Etiketten, die die Brauerei Kitzmann kurz vor der Schließung noch entwerfen und drucken ließ und die dann vor der Betriebseinstellung nur noch bei einzelnen Chargen zum Einsatz kamen.

So hätte das Kitzmann-Bier ab 2018 aussehen sollen - wenn die Erlanger Traditionsbrauerei nicht unmittelbar nach dem Re-Design im Retro-Look geschlossen worden wäre.
So hätte das Kitzmann-Bier ab 2018 aussehen sollen - wenn die Erlanger Traditionsbrauerei nicht unmittelbar nach dem Re-Design im Retro-Look geschlossen worden wäre. // Martin Regner

Sie belegen, dass die Brauerei Kitzmann damals noch den Plan hatte, auf den bis heute laufenden Retro-Trend bei Flaschenetiketten aufzuspringen. Also auf Etiketten, die in Farbigkeit und Stil den 1960er- und 1970er-Jahren nachempfunden sind. Der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde dieses Re-Design der Marke Kitzmann nicht mehr; die meisten der damals nagelneuen Etiketten blieben laut Finzel unveröffentlicht. Das bis heute vom Kulmbacher-Konzern angebotene Kitzmann-Bier trägt weiterhin die alte Optik, die man von Kitzmann jahrzehntelang gewohnt war.

Warum der Bierkrugsammler nie selbst einen Bierkrug benutzt

An die raren, bis heute ungeöffneten Flaschen aus dem Spätsommer 2018 und an einen Schwung der druckfrischen Etiketten kam Michael Finzel durch seinen Vater Dieter Finzel. Der ist begeisterter Sammler von Erlanger Etiketten und schaute 2018 zufällig kurz vor dem Bekanntwerden der Schließung wieder einmal bei der Brauerei Kitzmann vorbei. „Dann hat er wie üblich den Braumeister gefragt, ob es irgendwas Neues gibt, und von ihm dann einen ganzen Satz neue Etiketten bekommen. Zwei Wochen später hat der Kitzmann dann zugemacht.“

Und direkt nach der Brauereischließung, die viele Erlanger bis heute noch nicht verwunden haben, machten sich Vater und Sohn zu zweit auf, um alle Getränkemärkte der Region abzugrasen. Das Ziel: Möglichst viele der wenigen noch produzierten Flaschen mit den neuen Etiketten zu bekommen. Diese werden von Michael Finzel heute gehütet wie ein Schatz.

Vereinzelt schafften es auch alte Bierkisten in die Sammlung, so etwa diese Exemplare der Erlanger Reifbräu aus grünem Kunststoff und von Kitzmann aus Holz.
Vereinzelt schafften es auch alte Bierkisten in die Sammlung, so etwa diese Exemplare der Erlanger Reifbräu aus grünem Kunststoff und von Kitzmann aus Holz. // 

Bei einem so leidenschaftlichen Bierkrug-Sammler könnte man vermuten, dass sich Finzel schwer tut, sich für das Feierabendbier für einen seiner vielen Krüge zu entscheiden. Doch seine Antwort auf diese Frage überrascht: „Bei mir geht gar kein Krug in die Benutzung. Damit nichts kaputt geht. Solange es Bier in der Flasche gibt, brauche ich keinen Krug zum Biertrinken.“

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