0
Millionenminus & Klinikreform
Müssen wir uns doch um unsere Klinik sorgen, Herr Oelkers?
Sven Oelkers, Geschäftsführer des Klinikums Forchheim-Fränkische Schweiz, spricht im FT-Interview über die aktuelle Lage der Klinik und seine Meinung zur Krankenhausreform.
Sven Oelkers, Geschäftsführer des Klinikums Forchheim-Fränkische Schweiz, spricht im FT-Interview über die aktuelle Lage der Klinik und seine Meinung zur Krankenhausreform. // Nikolas Pelke
Forchheim – Die Krankenhausreform kommt, mit Auswirkungen auf Kliniken in ganz Deutschland. Auch in Forchheim? Geschäftsführer Sven Oelkers erklärt, wieso er trotz seiner Kritik an der Reform gelassen bleibt.

Der Bundesrat winkt die Krankenhausreform von Karl Lauterbach durch, gleichzeitig kommen die meisten deutschen Kliniken nicht aus den roten Zahlen raus. Wie sich das alles auf die Gesundheitsversorgung im Landkreis Forchheim auswirkt und warum er trotz kritischen Blickes gen Berlin sehr gelassen bleibt, erklärt Forchheims Klinik-Geschäftsführer Sven Oelkers im exklusiven Interview mit fraenkischertag.de. 

Sven Oelkers, Geschäftsführer des Klinikums Forchheim-Fränkische Schweiz, im Interview

Herr Oelkers, das Klinikum schreibt rote Zahlen, mehr als zwei Millionen Euro sind Ihre Häuser im Minus. Was ist passiert?

Sven Oelkers: Die Finanzierung der Kliniken ist bundespolitisch geregelt und so wie jeder normale Bürger es gespürt hat in den letzten zwei Jahren, sind die Sachkosten durch die Inflation auch für uns massiv gestiegen. Medizinprodukte und Energie sind zum Beispiel teurer geworden.

Und natürlich die Personalkosten. Die sind im Krankenhaus immer der größte Block. Es gab hohe tarifliche Anpassungen sowie die steuerfreie Sonderzahlung zum Inflationsausgleich, was den Mitarbeitern natürlich gegönnt ist. Um das alles auszugleichen, müssten die Preise angepasst werden, was der Gesetzgeber aber nicht getan hat.

Sie hatten sogar noch mit viel mehr Minus gerechnet. Also sind das doch gute Nachrichten, oder?

Aktuell schreiben nur sechs Prozent der Krankenhäuser Gewinn, 80 Prozent machen Verluste. Das zeigt, dass dieses Finanzierungssystem einen großen Fehler hat, denn diese Situation hat sich verschärft in den vergangenen Jahren.

Ist Besserung in Sicht?

Das politische Versprechen lautet, dass mit der Krankenhausreform eine bessere Ausfinanzierung der Häuser stattfinden soll. Aktuell merkt man noch nichts davon. Es gibt warme Worte und eine gewisse Hoffnung. Stattdessen belasten die Kliniken immer mehr Bürokratie- und Strukturvorgaben, die sie erfüllen müssen, um gewisse Leistungen anbieten zu können. Damit verbunden sind wieder mehr Kosten, die nicht gegenfinanziert sind.

Bringt das die Krankenhausversorgung im Landkreis Forchheim Gefahr?

Nein, die Verluste werden notfalls vom Träger ausgeglichen. Von daher gibt es keinerlei Konsequenzen für die Behandlung der Menschen hier vor Ort. Langfristig muss man aber schon schauen, dass sich die finanziellen Rahmenbedingungen für die Kliniken verbessern.

„Keinerlei Konsequenzen für die Behandlung der Menschen hier vor Ort“; Klinik-Chef zu den Millionenverlusten
„Keinerlei Konsequenzen für die Behandlung der Menschen hier vor Ort“; Klinik-Chef zu den Millionenverlusten // Foto: Stephan Großmann

Wegen der angesprochenen Haushaltslage erwägen jetzt schon einige Stadträte, die Verantwortung für das Klinikum komplett an den Landkreis abzugeben.

Ändern würde sich für das Klinikum dadurch nichts. Es wäre schade, aber es hätte keine Konsequenzen für die Mitarbeiter und Patienten, wenn der Landkreis dann Alleingesellschafter wäre.

Was allerdings Konsequenzen haben könnte, ist die Krankenhausreform. 1700 Krankenhäuser gibt es in Deutschland, mit der Reform sollen es weniger werden. Sie schauen ziemlich gelassen drein. Woran liegt das?

Wir haben im Landkreis unsere Hausaufgaben in den letzten Jahren gemacht. Wir zentrieren die Akut- und Notfallversorgung am Standort Forchheim, wir erweitern gerade Intensivstation, Notaufnahme und werden die Kardiologie mit zwei Herzkatheter-Messplätzen nach Forchheim in neu gebaute Räumlichkeiten umziehen. Damit erfüllen wir die Vorgaben für die zukünftigen Leistungsgruppen.

Wie gehen die Um- und Ausbauten voran?

Das Bauen im Bestand bringt natürlich eine gewisse Einschränkung der Leistungsfähigkeit mit sich. Mitte 2025 soll ein weiterer Teil des Neubaus in Betrieb gehen, weitere sechs Monate müssen wir Restarbeiten im Bestand erledigen. Etwa im Bereich der neuen Notaufnahme und der Intensivstation. Ende 2025 wollen wir dann wieder voll leistungsfähig sein.

Und der vierte OP?

Der wird ebenfalls im Sommer 2025 fertig werden.

Um sicherzugehen: Auch der Standort Ebermannstadt ist sicher?

In Ebermannstadt wird die Psychosomatik noch ausgebaut. Die Abstimmung mit dem Ministerium ist erfolgt und die Förderanträge werden gerade vorbereitet. Bei der Krankenhausreform geht es nur um Akutmedizin. Das heißt, die Psychosomatik, das Pflegezentrum und die geriatrische Reha in Ebermannstadt haben mit der Reform nichts zu tun.

Gleichzeitig wird die Akut-Geriatrie in den nächsten Jahren noch nach Forchheim verlagert. Alles in allem erfüllen wir die Voraussetzungen für die Notfallstufe 2. Für unser bisheriges Spektrum an Leistungen der Fachabteilungen erfüllen wir die geforderten Voraussetzungen.

Also bleibt alles so, wie es ist?

Für die Versorgung der Bevölkerung ändert sich erst einmal nichts. Unser Versorgungsspektrum ist nicht aus dem Nichts gewachsen, es bildet die Versorgungsnotwendigkeit des Landkreises mit 120.000 Einwohnern ab. Wir werden sicherlich kein Maximalversorger oder Lebertransplantationen durchführen. Das ist nicht unser Anspruch.

Wir wollen weiterhin eine gute Grund- und Regelversorgung mit der entsprechenden Spezialisierung in unseren Fachbereichen anbieten. Welches Krankenhaus zukünftig aber weiterhin welche Leistungen anbietet, legt das Gesundheitsministerium im Rahmen der Krankenhausplanung fest.

Also müssen Sie doch hoffen, dass keine Leistungen gestrichen werden. Ich denke da beispielsweise an die chronisch unterfinanzierte Geburtshilfe.

Auch für die Geburtshilfe erfüllen wir alle Voraussetzungen. Mit der Krankenhausreform wurde versprochen, dass bisher unterfinanzierte Bereiche wie die Geburtshilfe eine bessere Ausfinanzierung erfahren sollen.

Die Krankenhausreform ruft viele Kritiker hervor, unter anderem Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach wollte sie im Bundesrat stoppen. Wie stehen Sie dazu?

Die Finanzierung ändert sich im Detail nicht sehr. Wir bekommen bald eine Vorhaltefinanzierung. Die alleine deckt aber gerade einmal die Hälfte unserer Kosten ab. Daneben wird es weiterhin Fallpauschalen für jeden Fall geben, die aber finanziell viel geringer ausfallen als bisher. Das heißt für die Kliniken, dass sie auch mit der Reform die gleiche Anzahl an stationären Fällen schaffen müssen, um insgesamt die gleiche Vergütungshöhe zu erreichen.

Klinik-Geschäftsführer Sven Oelkers zur Krankenhausreform: „Den Menschen wird vorgemacht, dass die Kliniken dank der Reform auskömmlich finanziert sind, egal, was sie machen“
Klinik-Geschäftsführer Sven Oelkers zur Krankenhausreform: „Den Menschen wird vorgemacht, dass die Kliniken dank der Reform auskömmlich finanziert sind, egal, was sie machen“ // Nikolas Pelke

Den Menschen wird vorgemacht, dass die Kliniken dank der Reform auskömmlich finanziert sind, egal, was sie machen. Das stimmt aber nicht. Der wirtschaftliche Druck wird nicht niedriger, sondern hat nur einen anderen Namen. Ob eine Lösung, die nicht mehr Geld ins System fließen lässt, die wirtschaftlichen Probleme beheben wird, bleibt spannend zu sehen.

Fließt nicht mehr Geld ins System, wenn ich einen gleich großen Kuchen auf weniger Häuser verteilen muss?

Bis das Gesetz 2029 umgesetzt werden soll, geht die Kostenentwicklung weiter. Auch weil das Gesetz mit seinen strengeren Vorgaben mehr Kosten abverlangt. Da es in der Zukunft liegt und noch keine belastbaren Zahlen gibt, ist das schwer zu sagen. Aber vielleicht werden wir alle positiv überrascht und die finanziellen Sorgen der Krankenhäuser verschwinden.

Auch die Patienten müssen in ihrem Alltag deutlich mehr zahlen, ab 2025 auch für ihre Krankenversicherungen. Bekommen Sie auch mehr dafür? 

Die gute Nachricht ist, sie werden weiterhin auf hohem Niveau versorgt. Die steigenden Kosten betreffen aber tatsächlich die gesamte Gesundheitsversorgung. Das liegt auch daran, dass die gesetzlichen Vorgaben (zum Beispiel Anzahl Fachkräfte) im Gesundheitswesen immer nach oben angepasst werden. Wenn die Standards für mehr Tätigkeiten als früher Fachkräfte voraussetzen, wird es zwar eine höhere Versorgung durch Fachkräfte geben. Die wird aber teurer.

Wenn man eine qualifizierte Fachkraft überhaupt bekommt. Wie ist die Situation in Forchheim?

Wie alle Häuser spüren auch wir den Fachkräftemangel. Insgesamt gehen mehr Beschäftigte in den Ruhestand als neue nachkommen. Die Umstellung auf die generalistische Ausbildung (also Krankenpflege, Altenpflege und Kinderkrankenpflege in einem) hat leider bundesweit nicht die große Steigerung der Ausbildungszahlen gebracht.

Wir haben die Ausbildungskapazität unserer Berufsfachschule ausgebaut und im aktuellen Jahr alle Plätze besetzen können. Trotzdem haben wir in den vergangenen Jahren beispielsweise tunesische Fachkräfte weiterqualifiziert und werden auch weiterhin auf Fachkräftezuwanderung angewiesen sein.

 

Inhalt teilen
  • kopiert!